Meinung : Überreif fürs Ende

Von Malte Lehming

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Ein Schmunzeln lässt sich kaum unterdrücken. Nicht von raffinierten Strategen, hochmodernen Waffen oder gewieften Diplomaten hängen die Geschicke Amerikas im Irak ab. Stattdessen ist die letzte verbliebene Supermacht auf die Hilfe des obersten schiitischen Geistlichen im Land angewiesen, dem Großajatollah Ali al Sistani. Ohne ihn kann sie den auch selbst verschuldeten Schlamassel, der sich mit dem Namen der Stadt Nadschaf verbindet, nicht lösen. Die Konfrontation mit Anhängern des radikalen Predigers Muktada al Sadr begann, nachdem eine neu eingetroffene, unerfahrene USEinheit, ohne dies mit der obersten Heeresleitung in Bagdad oder der neuen irakischen Führung abzusprechen, sich in heftige Gefechte mit al Sadrs Mahdi-Miliz verwickeln ließ. Daraufhin hatte der sich mit seinen Anhängern in der hochheiligen Imam-Ali-Moschee verschanzt. Eine wochenlange, blutige Belagerung war die Folge. Von deren Ausgang hängt viel ab: Wie viel Autorität hat die Übergangsregierung von Ministerpräsident Allawi? Kann in Bagdad eine starke Zentralregierung gebildet werden, die ihre Macht gegen ethnische und religiöse Splittergruppen durchsetzt? Welche Rolle spielt der schiitische Islam im Irak?

In Nadschaf entscheidet sich die Zukunft des Landes. Das macht die Lage so brisant. Andere Milizen, die noch größer und besser ausgerüstet sind als die al Sadrs, beobachten die Entwicklung sehr genau. Nach einer Herzoperation in Großbritannien war al Sistani am Mittwoch in den Irak zurückgekehrt und hat sich auf den Weg nach Nadschaf, seiner Heimatstadt, gemacht. Er ist der Einzige, der al Sadr wirklich beeinflussen kann. Überdies würde von einer Eskalation niemand profitieren – die Mahdi-Miliz hat starke Verluste hinnehmen müssen, Allawi riskiert, als kraftlose Marionette Washingtons wahrgenommen zu werden, und die US-Regierung will in der kommenden Woche möglichst ohne außenpolitische Eruptionen den Parteitag der Republikaner begehen. Vernünftig betrachtet wäre die Zeit also überreif für ein Ende des Dramas. Leider herrscht im Irak die Vernunft nur selten.

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