Meinung : Überschall und Rauch

Zukunft ist, was man draus macht – zur Verleihung des „Deutschen Zukunftspreises“

Thomas de Padova

Bundespräsident Johannes Rau hat am Donnerstagabend den „Deutschen Zukunftspreis“ verliehen. Einen Preis mit großem Namen: für die Erfindung von etwas, das gestern noch unmöglich war und heute schon auf dem Weg ist, den Markt zu erobern, für einen Etappensieg im Technologie- und Innovationswettlauf mit anderen Nationen.

Ein zweifelsohne bedeutender Preis. Zugleich aber geht er einher mit einer recht profanen Deutung des Begriffs „Zukunft“. In den vergangenen Jahren wurde er für Techniken vergeben, dank derer Computer gesprochene Sprachen aufzeichnen, Musikstücke schneller über das Internet verbreitet und kompakte Computerchips gebaut werden können. Wenn all das Zukunft ausmacht, dann besagt das Wort nichts anderes als: mitzufahren auf dem Hochgeschwindigkeitszug der Modernisierung. Volle Kraft voraus!

Unsereins aber interessiert sich dafür, wohin der Zug mit den prämierten Waggons denn fahren soll. Wird er uns dahin bringen, wo wir hin möchten? Wir verbinden mit Zukunft die Hoffnung auf ein gesundes Leben oder darauf, auch morgen noch etwas anbieten zu können, was uns in Brot und Arbeit hält. Wir fürchten uns, andersherum, vor Krankheiten und Arbeitslosigkeit, vor einer Verstopfung der Städte und der Zerstörung der Umwelt. Zukunftsfragen sind stets gebunden an Erwartungen und Ängste.

Antworten soll die Wissenschaft geben: Frische Stammzellen sollen unser Herz länger schlagen lassen, technische Innovationen neue Arbeitsplätze schaffen, Verkehrsleitsysteme den Stau in der Innenstadt auflösen, die Solartechnik soll die Energieversorgung sichern. Doch noch während wir diese Wunschliste aufstellen, beschleicht uns schon die Angst: Lassen sich mithilfe von Stammzellen eines Tages Menschen züchten? Wird mehr Automatisierung noch mehr Arbeitsplätze vernichten? Werden neue Verkehrstechniken zu noch mehr Autos, wird die Solartechnik zu steigenden Strompreisen führen? Worauf sollen wir setzen?

Verlässliche Antworten gibt es nicht. Wir können mit einem technischen Schlüssel eine Tür zu einem neuen Raum öffnen, aber nur schwer überblicken, ob wir in diesem Raum unsere Hoffnungen verwirklichen können: So bringt uns das Überschallflugzeug nicht in Windeseile ans Ende der Welt. Es verbraucht zu viel Sprit, ist zu teuer und steht fortan zu Recht im Museum. Andererseits erlernen Kinder plötzlich außerhalb der Schule mit Freunden und Eltern am Computer neue Formen der Wissensvermittlung. Und wer hätte gedacht, dass sich die altertümliche Windmühle mit neuem Motor und politischem Rückenwind heute so schnell dreht?

Die Zukunft bleibt also offen. Um halbwegs zuverlässige Vorhersagen für künftige Entwicklungen machen zu können, müssen wir vor allem die Ziele möglichst präzise benennen, die den Entfaltungsraum für die jeweilige Technik umreißen. Zukunft ist, was man draus macht: Wollen wir in erster Linie ein müheloses Leben leben, hier und heute? Oder knapper werdende Ressourcen schonen? Wer seine politischen Ziele beim ersten Gegenwind fallen lässt, kann Zukunft nicht voraussehen – und sie schon gar nicht steuern. Er wird lediglich dem Selbstlauf der Technik und der Märkte hinterhereilen.

Wir haben es immer noch in der Hand, Zukunft mitzugestalten, wenn wir unseren Wünschen Ausdruck verleihen und politische Schwerpunkte setzen, wenn wir die dafür nötigen Schlüsseltechnologien erkennen und fördern. Erst wenn wir sagen können, welche Zukunft gemeint ist, werden wir Preise vergeben können, die etwas anderes sind als Innovationspreise. So begrüßenswert die Initiative des Bundespräsidenten ist: Ein Zukunftspreis muss erst noch erfunden werden.

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