Meinung : Überschwappender Glühwein

Pascale Hugues, Le Point

-

Eines Tages werden zwei Wege vor dir liegen“, schrieb meine Lehrerin Madame Dahl mir an meinem achten Geburtstag ins Poesiealbum. „Der eine wird mit Sand bedeckt sein, der andere mit scharfkantigen Steinen. Wähle den zweiten, denn er führt zum Glück.“ Madame Dahl roch so angenehm nach Mandelseife und Tugend, dass ich es bis zum heutigen Tage nicht wage, mich ihrem strengen Rat zu widersetzen. Der Preis wird auf dieser Erde gewonnen. Glück will verdient sein. Von nichts kommt nichts. Und jedes Jahr um die gleiche Zeit, etwa eine Woche vor Weihnachten, wenn kalter Nieselregen die Berliner Dächer benetzt, wenn die Tage kurz sind und die Wärme der Küche zum wohligen Verharren einlädt … just in jenem Moment, wenn die Augenlider über einer aufgeblätterten Zeitschrift schwer werden und die Kinder friedlich im Nebenzimmer spielen – in dieser Sekunde tauchen vor meinem inneren Auge die zwei Wege der Madame Dahl auf. Der eine, glatt und weich, führt zum großen Sofa im Wohnzimmer. Der andere führt direkt zum Weihnachtsmarkt. Natürlich wähle ich den zweiten. Der Weihnachtsmarkt ist meine letzte Prüfung vor der Heiterkeit der Festtage.

Die Ökomärkte gefallen nur den Eltern – mit ihren Holzspielzeugen, Ethnobasteleien und harmlosen Kettenkarussels, mit Biofruchtpunsch und dekorativen Knabenchören. Kinder wollen Riesenräder, Schießbuden, Nutella- Crepes, Gedränge, Lärm und Glitzer und noch mehr Glitzer. Je schriller und schrecklicher der Weihnachtsmarkt, desto mehr lieben sie ihn. Deshalb wähle ich tapfer den Weg des höllischen Lunaparks. Und Jahr für Jahr sind es die gleichen fünf Steine, die mir auf meinem Leidenswege die Füße zerschneiden:

1. Der Glühwein. Schon aus der Ferne sehe ich den Kessel. Seit dem Morgengrauen köchelt der Zaubertrank unter einem Zeltdach vor sich hin, das von traurigen 40-Watt-Glühbirnen erleuchtet wird und mit Wattefetzen dekoriert ist, die krampfhaft eine Illusion von Schnee erzeugen wollen. Dutzende von Junkies stehen Schlange, um an ihren Stoff zu kommen. Manche haben einfach auf dem Heimweg vom Büro einen Umweg eingelegt, andere sind wie wir vom anderen Ende der Stadt mit der S-Bahn angereist. 40 Millionen Liter Glühwein trinken die Deutschen in der Adventszeit! Es ist eine gefahrvolle Prüfung, im Stehen einen kochend heißen Becher Glühwein zu balancieren, ohne sich vom schwankenden Fluss der Menschenmengen hinwegtragen zu lassen. Hoch die Tassen! Und immer findet sich ein Ellenbogen, der im richtigen Moment den Becher zum Überschwappen bringt. Selbst der stärkste Fleckendoktor kann da nichts mehr ausrichten, auch wenn auf der Flasche steht: speziell für Rotwein. Der neue weiße Anorak ist ruiniert. Und der hartnäckige Nelkengeschmack beschert mir nächtelang Albträume vom Zahnarzt.

2. Die Bratwürstchen. Man muss nur zehn Minuten in der Nähe eines rauchenden Grills verbringen, damit der Geruch von ranzigem Fett sich für mindestens drei Tage auf der Haut, in den Haaren und in den Klamotten einnistet.

3. Jingle Bells. Wenn diese Höllenarie von einem Panflötentrio in Wollponchos angestimmt wird, während rundherum die Bäume ausschlagen, nehme ich die Beine in die Hand.

4. Die Weihnachtsmarktmuffel. Eine unbekehrbare menschliche Spezies. Sie schlendern in Pärchen die Alleen des Marktes entlang und unterhalten sich so laut, dass es die ganze Welt hört. Sie weinen den guten alten Zeiten hinterher: Die Kommerzialisierung hat alles kaputt gemacht! Warum müssen auf einem Weihnachtsmarkt Strumpfhosen verkauft werden? Und Teppichreiniger? Und Käsereiben? Natürlich haben diese Zyniker vom Dienst recht. Aber ich hasse sie, weil sie das letzte bisschen Illusion zertrampeln, das mir noch geblieben ist.

5. Der Esel. Wie ich ihn bedaure, diesen armen, räudigen, rachitischen Strafgefangenen, der sich in seinem zwei mal drei Meter großen Gehege mit einem rotztriefenden Kind auf dem Rücken im Kreis dreht. Noch wenn ich zu Hause die kleinen festen Mistkügelchen des Esels aus meinen Schuhsohlen kratzen muss, tut er mir leid.

Mein altes Poesiealbum liegt inzwischen tief vergraben in der untersten Schublade. Madame Dahl ist schon lange tot. Ihr Mandelduft hat sich im Laufe der Jahre verflüchtigt. Und deshalb wage ich jetzt die Rebellion gegen die freudlosen Moralismen meiner ersten Schullehrerin. Zum Teufel mit diesem idiotischen Masochismus! Das Leben ist hart genug! Nächstes Jahr, schwöre ich, werde ich den Weg des weichen Sandes wählen!

Andererseits … was wäre Weihnachten ohne Bratwurstduft in den Haaren? Ohne die rührende Vulgarität des Glitters? Und ohne den jährlichen Tropfen Glühwein auf meinem weißen Anorak? Vielleicht hatte Madame Dahl doch recht … Joyeux Noöl!

Übersetzt aus dem Französischen von Jens Mühling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben