Ukraine : Orange wird nicht zu grün

Wo immer möglich befestigt die EU ihre östlichen Grenzen. Aus Europa ferngehalten, an Russland verraten: Deutschland lässt die Ukraine links liegen – warum bloß?

Juri Andruchowytsch

Zwei katholische Priester unterhalten sich. „Hast du schon gehört“, sagt der eine, „der Vatikan will das Zölibat abschaffen.“ „Ach ja“, seufzt der andere wehmütig, „bloß wann? Ob wir das noch erleben?“ Darauf der erste: „Wir nicht, aber unsere Kinder bestimmt!“

Immer, wenn in letzter Zeit – mal wieder! – die Rede von der „europäischen Perspektive“ meines Heimatlandes, der Ukraine ist, fällt mir dieser alte Witz ein. Und als ob es sich um den Titel eines fantastischen Romans oder das Thema eines Futurologenkongresses handelte, gelingt es mir nicht, die Wortverbindung ohne Anführungszeichen zu schreiben. Diese fantastische Zukunft, der Horizont aller möglichen Hoffnungen bleibt fern und irreal – daran wird wohl auch der Besuch der deutschen Kanzlerin Angela Merkel morgen in Kiew wenig ändern.

Daher schreibe ich diese Zeilen auch eher „im Namen der Kinder“. Oder sagen wir – im Namen irgendwelcher, völlig unbekannter Kinder, die vielleicht noch gar nicht auf der Welt sind.

Dabei erschien die erwähnte „Perspektive“ einmal, an der Wende der heute lange zurückliegenden Jahre 2004 und 2005, als durchaus real. So real, dass einige Hitzköpfe (auch ich) entschieden hatten, dass der ersehnte Durchbruch kurz bevorstünde, an dem die postsowjetische Geschichte der Ukraine enden und die europäische beginnen würde. Warum das bis heute nicht passiert ist – mit anderen Worten, wieso eine solche Chance vergeben wurde – das ist eine schwierige und komplizierte Frage, auf die es die eine, erschöpfende Antwort nicht gibt. Hier aus meiner Sicht einige der wichtigsten Elemente dieses Warum. Wir wollen sie vor allem in der Ukraine selbst suchen, dabei aber nicht die fatale Bedeutung der äußeren Faktoren vergessen. Damit meine ich Russland, aber auch Deutschland.

Erstens hat sich gezeigt, dass die politischen Eliten (ach, wie gerne würde ich auch diesen Ausdruck in Anführungszeichen setzen!), die nach der orangenen Revolution vom früheren Präsidenten Kutschma die Macht übernahmen, nicht substanziell besser sind als ihre Vorgänger: an der Macht sein bedeutet in der Ukraine, genau wie früher, vor allem unbegrenzten Zugang zu Finanzströmen, und dieser wiederum – unbegrenztes Verbleiben an der Macht. So hat sich endgültig ein Teufelskreis herausgebildet, den man mit der parodistischen Formel „Macht – Geld – Macht“ beschreiben könnte. So hat sich das politische Leben der Ukraine in den letzten Jahren in einen permanenten und absoluten Wahlkampf verwandelt, mit unzähligen persönlichen Fehden, schmutzigen Intrigen, gegenseitigen Verleumdungen und abstoßenden, öffentlich ausgetragenen Konflikten. Man könnte das alles natürlich als „Mängel einer jungen Demokratie“ abtun – warum eigentlich nicht? Wäre da nur nicht die schmerzhafte und bohrende Angst, dass diese Demokratie für immer jung bleiben wird.

Zweitens hat es die Gesellschaft, die 2004 eine so wunderbare Reife zeigte, den „oberen Etagen“ erlaubt, sie zu enttäuschen, zu ermüden und ihr die Orientierung zu rauben: sie bestand die Prüfungen der postrevolutionären Routine nicht und versank wieder in Apathie, Stagnation und sozialen Pessimismus.

Drittens hat die Person Viktor Juschtschenko, auf die sich ungewöhnliche – ohne Übertreibung: historische – Hoffnungen richteten (den Drachen zu töten!), keine einzige davon wirklich erfüllt. Seine Entwicklung nach dem Sieg im Januar 2005 ist nichts anderes als das Sich-Abfinden mit dem Kutschmismus bis hin zu seiner teilweisen Restauration. Sehr bezeichnend, dass in der Umgebung des Präsidenten von der alten „orangen Garde“ keiner mehr übrig ist – bis auf den Letzten hat er sie alle hinausgedrängt und so weit wie möglich von sich entfernt. Nicht weniger bezeichnend erscheint mir, wie der Präsident kürzlich das Wort „Maidan“, des Ortes, an dem die Revolution ihren Ausgang nahm, in klar negativem Kontext benutzt hat. So müssen wir also feststellen, dass Viktor Juschtschenko im vierten Jahr seiner Regierung in dieser historischen Auseinandersetzung endgültig zur anderen Seite übergelaufen ist – dorthin, wo man die Bürgergesellschaft immanent fürchtet und daher ihre Entwicklung auf jede erdenkliche Weise behindert.

Zum Glück hat weder der derzeitige Präsident noch die derzeitige Regierung, weder die Koalition noch die ihr spiegelbildliche Opposition die europäische Wahl der Ukraine formuliert. Diese Wahl wird vielmehr von der Tatsache der ukrainischen Unabhängigkeit diktiert, die auf andere, nichteuropäische Weise einfach nicht realisiert werden kann. Und deswegen ist es so bedeutsam, wie sich das Ausland positioniert.

Zwei sehr eng miteinander verbundene äußere Ursachen sind vor allem zu nennen, wenn es um die vergebene Chance 2004 geht. Einerseits die erhöhte Aktivität Russlands, das aus Angst vor möglichen Folgen der „orangenen Wahl“, vor allem für sich selbst, nicht aufhört, maximale Anstrengungen zu unternehmen, diese Wahl zu diskreditieren, indem es geschickt, wenn auch viel zu unverhohlen mal territoriale Ansprüche erhebt, mal psychische oder Gasattacken reitet. Andererseits handelt es sich um die mangelnde Bereitschaft (oder, um die Dinge beim Namen zu nennen – die Unlust) der Europäischen Union, ihre Beziehungen zur Ukraine auf eine qualitativ neue Grundlage zu stellen, also die Perspektive auf EU-Integration anzuerkennen und zu ermutigen. Eine solche Ermutigung könnte sich etwa darin ausdrücken, dass die EU auf die ukrainische Regierung und die politische Kaste insgesamt einen dauernden, anteilnehmenden Druck ausübte und gleichzeitig der Zivilgesellschaft dauernde und anteilnehmende Unterstützung gewährte.

Die EU hingegen – vor allem ihre wichtigsten Spieler Deutschland und Frankreich – beschäftigt sich vor allem mit etwas anderem: Wo immer möglich befestigt sie ihre östlichen Grenzen. Grenzt sich also auch weiter erfolgreich von der Ukraine ab und vergisst dabei offensichtlich die elementare geografische Gegebenheit, die besagt, dass keine Grenze ihre Bürger vor, zum Beispiel, vollkommen im Bereich des Möglichen liegenden neuen Tschernobyls bewahren kann. Warum gerade Deutschland als größtes und unverrückbares Hindernis auf dem Weg der Ukraine nach Europa auftritt – das ist eine Frage, über die ich mir in den letzten Jahren regelmäßig den Kopf zerbreche und die ich jetzt von Neuem zu beantworten versuche.

Hilfestellung dabei leisten mir die Beobachtungen der ukrainischen Journalistin Olena Hetmantschuk über die offensichtliche „psychologische Barriere, die zu überwinden die deutsche politische Elite derzeit noch nicht bereit ist. Sie besteht darin, dass man sich in Berlin die Ukraine nicht außerhalb des russischen Einflusses vorstellen kann und sie nicht als vollwertiges zukünftiges Mitglied von EU und Nato sieht.“

Was die ukrainische Journalistin sehr abgemildert „psychologische Barriere der Elite“ nennt, zeigt sich manchmal auf ziemlich brutale Weise, nicht bei der politischen Elite, sondern bei gewöhnlichen Beamten, zum Beispiel in Polizeiuniform.

Mitte Juni machte in den ukrainischen Medien der Bericht von Geschehnissen die Runde, die sich am 26. Mai dieses Jahres einige Kilometer vor der deutsch-polnischen Grenze ereigneten. Zuerst berichtete die angesehenste ukrainische Zeitung „Dserkalo tyshnja“ darüber, der nicht zu glauben ich keinen Anlass habe. Der nicht zu glauben ich leider keinen Anlass habe, möchte ich schreiben.

Man kann natürlich einige Details bezweifeln. Zum Beispiel, ob ein deutscher Polizist wirklich einer ukrainischen Gastarbeiterin eine Plastikflasche auf den Kopf geschlagen hat. Schließlich schreiben wir das Jahr 2008, nicht 1941.

Aber der Reihe nach. Die Situation lässt sich so kurz wie möglich folgendermaßen skizzieren.

Gegen sechs Uhr morgens wird ein Bus, unterwegs von Madrid nach Breslau, unter dessen Passagieren auch etwa ein Dutzend ukrainischer Saisonarbeiter sind, von der Polizei gestoppt. Und zwar an einem Ort wo, wie ich betonen möchte, seit Januar dieses Jahres angeblich überhaupt keine Grenze mehr existiert. Aber es gibt sie noch – speziell für die guten Nachbarn der EU.

Bei der Ausweiskontrolle stellt sich heraus, dass spanische Arbeitsvisa, mit denen die Ukrainer reisen, für den Transit durch andere Schengenstaaten nicht gelten. Warum dies den Gastarbeitern von ihren Arbeitgebern nicht mitgeteilt wurde, bleibt ein großes bürokratisches Geheimnis. Jedenfalls steht das, was sie sich haben zuschulden kommen lassen, in keinerlei Verhältnis dazu, wie brutal mit ihnen abgerechnet wurde.

Es beginnt damit, dass man den Ukrainern befiehlt auszusteigen. Der Bus und die übrigen Passagiere, Bürger glücklicherer Länder, vor allem Polens, fährt ohne sie weiter.

Dann wird den Festgehaltenen alles vorhandene Geld abgenommen (ich füge hinzu: eineinhalb bis zweitausend Euro pro Nase, in Spanien mit keineswegs leichter Arbeit verdient). Dann findet eine absolut erniedrigende Leibesvisitation statt, bei der sich die Festgehaltenen nackt ausziehen müssen. Der Bericht einer der Frauen klingt so: „Wir stehen nackt da, können kein Wort Deutsch, und sie lachen und reden über irgendwas.“

Sie lachen, wiederhole ich ihre Worte, sie lachen locker und lässig. Stimmt ja – warum sollten sie nicht lachen? Der Anblick eines nackten menschlichen Körpers ruft oft ein gesundes, fröhliches Lachen hervor. Aber über was reden sie dabei? Ihre Unterwäsche? Ein anderes Thema haben sie ja wohl kaum. Wahrscheinlich sagen sie etwas wie: „Hei, schau mal, diese Kühe haben sich mit europäischer Wäsche eingedeckt!“

Oder vielleicht hat es sie so erheitert, dass Ukrainerinnen auch Damenbinden benutzen? Vielleicht ging es aber auch gar nicht nur um die Frauen? Vielleicht ging es um diese Männer, ihre Trainingshosen und kurz geschorenen, unregelmäßig geformten Köpfe? Natürlich, das ist am lustigsten – die Form ihrer Schädel!

Ich weiß natürlich, dass ich nicht recht habe, wenn ich den Polizisten solche Gedanken unterstelle. Vielleicht gehe ich in meiner Verzweiflung zu weit. Vielleicht ist in mir selbst ein Dämon erwacht, der mich die Motive einer solchen Erniedrigung nicht verstehen lässt. Vielleicht liebe ich Deutschland zu sehr, vorbildlich, rechtschaffen und freigiebig wie es ist – und kann daher die Augen vor einem solchen Vorfall einfach nicht verschließen.

Die Festgehaltenen werden unverzüglich mit einer Geldstrafe belegt und in Schande in ihr hilfloses Heimatland abgeschoben. Ein paar von ihnen werden dabei ihr ganzes Geld verlieren, das sie mit, wie ich betonen möchte, ehrlicher Arbeit verdient haben. Ein paar bekommen einen Stempel in den Pass, der es ihnen für lange Zeit unmöglich macht, in Länder des Schengen-Raums zu reisen.

Vor vier Jahren haben diese Menschen die Kraft aufgebracht, dem Ruf der Zukunft zu folgen und auf dem Kiewer Maidan die europäischen Werte zu verteidigen, unter anderem Freiheit, Würde und die Unverletzlichkeit der Person. Vier Jahre später stehen sie wieder da – irgendwo in der ihnen verschlossenen Schengenzone frei von Grenzen und schon deshalb gesegnet. Hier nehmen ihnen die Vertreter eben jener europäischen Werte ihr Geld ab und erniedrigen sie wie sie nur können – Polizisten eines großen Landes, deren Nationalhymne zweimal die Worte Recht und Freiheit wiederholt.

Also frage ich erneut: warum wieder du, Deutschland?

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Sabine Stöhr.

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