Meinung : Ukraine: Schwierige Annäherung

Martin Gehlen

Noch nie war eine Papstreise von solchen Turbulenzen begleitet. 10 000 Menschen zogen durch die Straßen der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit Spruchbändern wie "Papst, Wegbereiter des Antichristen" und "Orthodoxie oder Tod". Der Vertreter des Moskauer Patriarchen blieb demonstrativ dem interreligiösen Treffen fern. Zu dem Gottesdienst vor der Stadt fanden sich am Sonntag nur 30 000 Beter ein - weniger als in manchen islamischen Staaten.

Die religiösen Spannungen sind tief, weil über viele Jahrzehnte angestaut. Drei orthodoxe Teilkirchen liegen in der Ukraine miteinander im Streit. Auch zwischen der russisch-orthodoxen und der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche herrscht offener Kampf. Kein Wunder also, dass sich das komplexe Gewirr an Problemen in dem Moment entlädt, in dem ein Papst das historische Stammland der russischen Orthodoxie besucht.

Die heutigen Schwierigkeiten wären längst nicht so gewaltig, hätte sich die russische Orthodoxie im 19. und 20. Jahrhundert weniger staatsnah verhalten. Während die lateinischen Kirchen mit den damaligen Zumutungen des Staatskirchentum nicht zuletzt wegen des Papsttums relativ gut fertig geworden sind, haben die Russisch-Orthodoxen dies gar nicht erst versucht. In der Zarenzeit schwiegen sie zu den sozialen und gesellschaftlichen Missständen, machten sich mit den Regierenden und Wohlhabenden gemein und beschworen dadurch die Revolution von 1917 mit herauf. Auch danach blieb diese Staatsnähe Grundzug kirchlichen Handelns. Orthodoxe Christen und Geistliche, die für Religionsfreiheit und Menschenrechte kämpften, mussten in den Untergrund abtauchen, erhielten keine Deckung der Hierarchie und haben nicht selten ihr Tun mit dem Leben bezahlt.

Geblieben sind tiefe Wunden, bei den Orthodoxen untereinander und im Verhältnis zu den romtreuen Kirchen. Mit der ukrainischen Unabhängigkeit wurde die katholische Kirche wieder legal, tausende Pfarreien lösten sich aus der Zwangsvereinigung mit der Moskauer Kirchenspitze. Seit sich der einst moskauorientierte Metropolit Filaret zum "Patriarchen von Kiew" ausrief, ist die einstige Macht der russischen Orthodoxie faktisch halbiert. Die Aussöhnung zwischen dem Moskauer Patriarchat und Rom ist ein langer Weg. Der erste Schritt ist getan. Der Papst hat ihn gewagt.

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