Ukraine : Zurück auf der Landkarte

Der scheidende Präsident hinterlässt dem Land ein positives Vermächtnis: Er hat der Ukraine ihre nationale Erinnerung zurückgegeben

Sebastian Bickerich

Ost siegt gegen West, Apparatschik gegen Blondine, Stalinismus über Demokratie: Keine dieser Zuschreibungen passt wirklich zu den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Es war schlicht eine demokratische Wahl in einem demokratischen Land, und auch Wahlsieger Viktor Janukowitsch wird an dem grundsätzlichen Kurs des Landes kaum etwas ändern können. Das ist vor allem das Verdienst seines Vorgängers Viktor Juschtschenko. In keinem anderen Nachfolgestaat der UdSSR – sieht man vom Sonderfall Baltikum ab – gibt es ein derart hohes Maß an Meinungsfreiheit, eine derart ausgeprägte Streitkultur und derart elementare demokratische Rechte. Juschtschenko hat noch mehr erreicht: Er hat der Ukraine ihre nationale Erinnerung zurückgegeben. Konsequent arbeitete er die Verbrechen der Sowjetunion auf, machte die Erinnerung an den Holodomor, die von Stalin entfesselte Hungerkatastrophe in den dreißiger Jahren, zum zentralen Element nationaler Erinnerung. Auch die Aussöhnung mit dem Nachbarland Polen und die umstrittene Ehrung des Partisanenführers Stepan Bandera gehören dazu. Im Streit um die Nationalsprache suchte er den Konflikt auch mit den russischsprachigen Landesteilen im Osten und setzte Ukrainisch als Landessprache durch.

All das kann der neugewählte Präsident der Ukraine kaum rückgängig machen. Inzwischen wollen sich schließlich sogar die Oligarchen aus dem früher russlandfreundlichen Osten des Landes von dem mächtigen Nachbarn emanzipieren – und stehen hinter dem Kurs des alten Präsidenten. Auch wenn der gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen war und ihm das Gespür und das politische Geschick zur Bewältigung der Alltagsprobleme des Landes fehlte: Dass die Ukraine, das flächenmäßig zweitgrößte Land in Europa, überhaupt wieder auf der politischen Landkarte als eigenständiger Akteur und nicht als Kolonie Russlands wahrgenommen wird, bleibt Juschtschenkos Verdienst. Viktor Janukowitsch wird sich daran messen müssen.

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