• Ulf Poschardt über die Kinder von Kohl und Coke: Die Jugend-Reihe: Die Kinder von Kohl und Coca-Cola

Ulf Poschardt über die Kinder von Kohl und Coke : Jugend-Reihe

Ulf Poschardt

Ein neuer Fundamentalismus hat unsere Gesellschaft erfasst. Besonders die Jugendlichen. Früher bedeutete dies, einer Religion bis ins Sektenhafte nachzufolgen oder aber sich politisch ins Extreme zu versteigen. Heute zeigt sich eine radikale Weltanschauung, die von jedem metaphysischen Überbau entleert ist. Ohne Glaube, ohne Verheißung, ohne Utopie. Es zählen nur die Fakten, die mess- und zählbar sind. Es ist ein fundamentalistischer Materialismus, der nicht wie vor gut 30 Jahren links steht, sondern breitbeinig in der Mitte. Nennen wir es einen kapitalistischen Fundamentalismus: warengläubig, geldfixiert, zunehmend stilsicher.

Die Politik hat dies noch nicht verstanden. Rührend war der Aufruf des alten Bundespräsidenten Herzog seinerzeit, dass es die Jugend richten müsste, weil der reformarmen, starren, fast altersschwachen Gesellschaft pubertärer Elan fehle. Dabei entwuchs eben jene Jugend in den 80er Jahren, sozialisiert vom Wohlstand der Kohl-Ära, der Rolle als gesellschaftliche Triebfeder, um es sich im Privaten und Intimen gemütlich zu machen. Warum also aufmucken, reformieren, verändern, wenn es neue Outfits und Haltungen in jeder Jeansboutique im Sonderangebot gab? Der verlogene, zum Teil engstirnige Idealismus der Eltern wurde verraten, durch einen nüchternen Materialismus ersetzt, der ganz ohne Transzendenz auskam - für Rauschzustände gab es Sex, Drogen, HipHop und Techno. Die erste Generation glücklicher Bundesrepublikaner wuchs heran: Eigentlich war alles okay - glaubhaft hat das der Vordenker des neuen Biedermeier, Florian Illies, in Generation Golf beschrieben.

Systemtheoretisch ausgedrückt ist der Befund ernst: Gesellschaftliche Innovation fällt aus. Jugend ist nicht mehr Moment der Dynamisierung oder gar Varietätenbildung von sozialen Rollenmustern oder politischem Selbstverständnis, sondern die leicht modernisierte Variante des Altbekannten: ein Kopierwerk. Luhmann, der große, wohl eher konservative Systemtheoretiker, warnte vor den Gefahren mangelnder Herausforderung für eine Gesellschaft, die sich weiterentwickeln muss. Stillstand ist tödlich. Doch immer mehr Jugendliche, mit Abitur, Anzügen und Eheringen, beharren auf dem Recht zum Stillstand. Sie sind die wahren Kinder Kohls: die nicht am Ende, sondern schon am Anfang ihres Lebens alles aussitzen wollen. Da jeder seinen Platz im Eigenheim hat, erlosch der Generationskonflikt. In Gesprächen wurde nicht kontrovers, sondern konsensual pragmatisch mit den Eltern umgegangen. Worüber sollte man streiten? Vater und Söhne trugen die gleichen Hemden und Pullover, Mutter und Tochter hörten dieselben Platten.

Was soll daran verkehrt sein? Wie sehr sich die Politik verunsichert fühlt, wenn Jugendliche politische Ansichten äußern, wird angesichts der altmodisch authentischen Politik-Kultur der Rechtsextremen deutlich: nur bei den Aufmärschen der NPD scheinen sich junge Menschen zu engagieren - logischerweise diejenigen, die von Börsen-AGs nichts wissen, deren Eltern keine Doppelgarage haben.

So entsteht nahezu zwangsläufig jugendlicher Schwachsinn, der nun voller Empörung kriminalisiert wird. Auf erschreckende Art wird das "Reinigungsversprechen" der Nazis auf jene selbst angewendet. Es soll ein possierliches Deutschland ohne Glatzen sein; die Bekämpfung der Ursachen bleibt aus. Dabei müssten Politiker in den jungen Rechten den Zerrspiegel authentischen politischen Interesses erkennen, der in einer Demokratie eben auch grimmige Visagen hervorbringt. In einer lebendigen Demokratie wäre der Druck von rechts kein Problem: es würde von der nicht rechtsradikalen Mehrheit relativiert werden. Doch dieser Gegendruck fällt aus. Übermäßiges Shoppen am Samstag und ausgedehntes Brunchen am Sonntag haben ein wenig lethargisch und selbstgenügsam gemacht. Der Kern einer wehrhaften Demokratie lebt aber vom Willen, diese gegen ihre Feinde zu verteidigen. Derlei ist augenblicklich Minderheitenprogramm. Noch nie war das bürgerliche Individuum so rein, so unverfälscht, ungetrübt und unentstellt bei sich selbst wie in der Jugend des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Die bürgerlichen Parteien sollten stolz sein: das von vielen ersehnte Ende der Geschichte ist mental eingetreten. Das Schlimme an der Geschichte ist aber, dass sie weiterhin dialektisch bleibt. Dieser Stillstand könnte fatale Konsequenzen haben: Zivilcourage ist die milde Gabe aller Bürger an das System, welches ihnen Wohlstand und Sicherheit garantiert. Sie ist das Rückenmark einer zivilen Gesellschaft. Trocknet es aus, lässt sich das Rückgrat aus Unbeweglichkeit leicht brechen. Aber vielleicht sehen Bürgerbewegungen in Zukunft einfach anders aus.

Mein Traum: Tausende von Barbour-Jacken und Nickelbrillen wüten vor der Stuttgarter Konzern-Zentrale, weil Schrempp den Aktienkurs von DaimlerChrysler nach unten gedrückt hat. Dunkelblaue Golf-Cabrios werden auf der Autobahn vor Untertürkheim rausgewunken und gefilzt. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein; nachdem das Wasser von den Demonstranten abperlt, riecht es zart nach Eau-de-Toilette von Boss. Florian Illies hält eine launige Rede. Johannes B. Kerner mit Frau Britta ("Unsere erste Demo!") applaudieren grinsend im Publikum. Angela Merkel empfehle ich daher, für ihr Schattenkabinett zum Wahlkampf 2002 Florian Illies aufzustellen. Als Jugendminister ein intelligenter, liberaler, sympathischer Neokonservativer, der als authentischste Stimme seiner Generation eben jene wieder an die Politik heranführen könnte.

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