Meinung : Um Gottes willen

Die evangelische Kirche richtet die Trauerfeier für den leidenschaftlichen Kirchen-Verächter Rudolf Augstein aus – warum nur?

Malte Lehming

Es ist nicht leicht, Überzeugungen zu haben, für eine Sache zu kämpfen. Das verlangt Kraft. Die Welt wäre ärmer ohne Zeichen solcher Kraft, ärmer ohne Menschen mit Charakter und Statur. Rudolf Augstein hat diese Welt reicher gemacht. Man muss nicht alle Ziele gutheißen, für die er sich einsetzte. Aber seine Dickschädeligkeit nötigt selbst seinen Gegnern Respekt ab.

Zur Kirche hatte Augstein ein eindeutiges Verhältnis. Er hat sie verachtet. Ende der sechziger Jahre trat der Katholik aus der Kirche aus. Fortan zog er im „Spiegel“ und in seinen Büchern leidenschaftlich über das Christentum her. Er kritisierte es nicht, um es zu verbessern, sondern weil er es grundsätzlich ablehnte. Mit Spott, Hohn und verletzenden Anzüglichkeiten versuchte er, die Gläubigen zu reizen. Augstein war überzeugter Atheist. Dass er diese Haltung auf dem Sterbebett bereute, ist nicht bekannt.

In wenigen Tagen findet in Hamburg die offizielle Trauerfeier für Augstein statt. In der Hansestadt gibt es viele dafür geeignete Orte. Keiner davon wurde gewählt. Stattdessen suchte man ausgerechnet eine Kirche aus, den Michel. Es wird nun eine christliche Zeremonie, die Predigt hält Hauptpastor Helge Adolphsen, ein Protestant. In jenen kirchlichen Kreisen, die sich einen Rest an gläubigem Selbstbewusstsein bewahrt haben, hätte es daraufhin einen Aufschrei geben müssen. Der Christ soll seinen Feinden verzeihen, aber er muss sie weder ehren noch beweihräuchern. Der Protest blieb aus. Es ist eine doppelte Schande. Die Kirche verleugnet sich selbst und versagt einem ihrer engagiertesten Widersacher den Respekt. Sie nimmt sich und deshalb ihn nicht ernst.

Augstein kann sich gegen seine nachträgliche Vereinnahmung durch die, die er verachtet hat, nicht mehr wehren. Statt seiner haben das Wort die organisierten Freidenker und Atheisten ergriffen. In einem offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister beklagen sie die Verhöhnung des Verstorbenen und seines Lebenswerkes. Grotesk. Nicht etwa die Gläubigen erheben die Stimme, wenn in ihrem Namen Anbiederei betrieben wird – es sind die Ungläubigen, die Charakter zeigen, die aufrecht gehen. Sie sind es, die sich einer Nivellierung der Unterschiede entgegenstellen. Der Befund betrübt. Einen deutlicheren Beweis ihrer eigenen Unbedeutsamkeit hätte die Kirche kaum leisten können. Es fällt schwer, sie dafür nicht ebenso zu verachten, wie Augstein es getan hat.

Leider hat insbesondere im Protestantismus die Selbstsäkularisierung Tradition. In den siebziger Jahren waren Arbeitskreise zwischen Marxisten und Christen beliebt. Sie endeten meist mit der Missionierung – der Christen durch die Marxisten. „Atheistisch an Gott glauben“ lautete der Slogan „fortschrittlicher“ Theologie. Die Tradition und das Dogmatische galten als reaktionär. In ihrem Drang, dem Gegner keine Angriffsfläche zu bieten, machte sich die Kirche überflüssig.

Die Trauerfeier für Augstein liegt ganz auf dieser Linie. Weil die protestantische Kirche sich nicht mehr selbst achtet, hat sie die Achtung vor ihren Widersachern verloren. Im Unterschied zu jenen kämpft sie nicht mehr. Sie hat sich aufgegeben und umarmt in ihrer Schlaffheit jeden, der ihr Haus betritt. Augstein gehört geehrt, aber - um Gottes willen! Nicht in einer Kirche. Ein Pastor, der das tut, verleugnet seinen Auftrag. Sollte es um den Glauben wirklich so schlimm bestellt sein?

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