Meinung : Umfragen: Ernste Zeiten für Hallodris

Lorenz Maroldt

Bei diesem Manöver stand Gregor Gysi auf verlorenem Posten. Während einige Funktionäre seiner Partei noch über den "Aggressor USA" dialektierten, gab der Berliner PDS-Spitzenkandidat dem westlichen Bündnis generös freie Hand für einen begrenzten Militärschlag. Doch die Wähler, verunsichert durch die Attentate, in Sorge vor einem unkontrollierbaren Krieg, wenden sich ab von dem schlagfertigen Meister der lockeren Zunge. Nur noch ein gutes Viertel von ihnen würde sich bei einer Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters für Gysi entscheiden. So etwas nennt man einen Absturz.

In Hamburg wurde soeben der Aufstieg des Populisten Roland Schill jäh gestoppt. Zum ersten Mal sank die Zustimmung für den Verfechter des bedingungslos starken Sicherheitsstaates - und das, obwohl sein einziges Thema, nämlich die innere Sicherheit, nach den Anschlägen von New York in Deutschland so ernst genommen wird wie selten zuvor. Oder gerade deswegen?

Schröder und Fischer differenzieren und wägen ab; sie wirken überlegt, besorgt, beruhigend. Es ist nicht die Zeit für Polemiken, für schnelle und einfache Antworten. Es ist also auch nicht die Zeit für polemische Politiker, die schnelle, einfache Antworten haben und einen Platz im Container, einen halbseidenen Fallschirm, ein Abonnement in der Talkshow von Sabine Christiansen.

Selbst wenn ein Westerwelle oder ein Mölleman sich heute ganz ernst und verbindlich geben - sie wirken wie von gestern, als ihre besonderen Qualitäten - Witz, Showtalent, Anpassungsfähigkeit, Streitlust - besonders gefragt schienen. Heute wünscht man sich Verlässlichkeit, Beständigkeit, Bodenhaftung, Ernsthaftigkeit, Nachdenklichkeit, vielleicht auch ein bisschen Langeweile. Das alles traut man am ehesten jenen zu, die diesem Bild schon vor Ausbruch der Krise am ähnlichsten waren. Typ Bernhard Vogel. Und am wenigsten den Spielern, Wechslern, Stimmungssurfern.

In Krisenzeiten stoßen Wähler politische Hallodris ebenso schnell ab wie Anleger unsichere Aktien. Wenn alles kein Spaß mehr ist, sinkt die Bereitschaft zum Risiko, zum Experiment. Das Bedürfnis nach Talk-Show-Krawall sinkt gegen Null. Die Wirklichkeit ist hart genug. Die Leute werden konservativ. Sie wenden sie dem zu, der wenig macht, nicht jenem, der viel versucht - und oft irrt.

Passt dazu, dass Klaus Wowereit in Berlin eine Zustimmung genießt, die hoch ist wie nie? Es passt - aber nur zum Teil. Wowereit besitzt Züge eines Spielers. Er hat die sichere Koalition mit der CDU für eine ungewisse Zukunft geopfert, er liebäugelt mit der PDS ebenso wie mit einer Ampelregierung. Wowereit steht für Experimente. Aber er regiert schon, und zwar ruhig, wie seine Partei, die SPD - in Bund und Land.

Die Berliner trauen den Sozialdemokraten am ehesten zu, auf eine Krisensituation wie in New York angemessen zu reagieren. Abgeschlagen liegt die CDU. Eine Sensation? Eine ganz normale Reaktion. Hier weiß man, was man hat. Oder glaubt es zu wissen. Ein Steffel hat da keine Chance. Aber auch nicht ein Gysi. Die schnelle Zunge redet gespalten, denn die Partei redet mit.

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