Meinung : Umgang mit Rechtsaußen: Versöhnung statt Empörung

Rafael Seligman

Wir kennen die Bilder. Skinheads brüllen rassistische, verbrecherische Parolen. Sie jagen, misshandeln und erschlagen Menschen, weil sie dunkelhäutig sind. Und dann kommt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse daher und meint, er könne sich vorstellen, dass Skinheads in zwanzig Jahren Minister würden. Das löste allenthalben verständliche Empörung und Kränkung aus.

Kränkung aber ist ein schlechter Ratgeber. In der Ehe und in der Politik erst recht. "Sei nicht eilig gekränkt, denn sich gekränkt zu fühlen, ruht im Busen der Unvernunft", mahnt die Bibel. Unterdrücken wir einen Moment unsere Empörung. Denken wir politisch! Die Bundesrepublik Deutschland ist ein erfolgreiches demokratisches Modell. Einer der Gründe wird heute geflissentlich vergessen: Die gelungene Integration ehemaliger Nazis in die westdeutsche Demokratie.

Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer war ein überzeugter Demokrat. Deshalb jagten ihn die braunen Machthaber aus dem Amt des Oberbürgermeisters von Köln. Sie haben ihn zeitweilig eingesperrt und gedemütigt. Während seiner Regierungszeit hat Adenauer jedoch ehemalige Nazis in sein Kabinett geholt. Etwa den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze Globke. Adenauer hat den früheren Parteigenossen Hitlers den Zugang zu Amt und Würden geöffnet. Dies geschah teilweise aus politischem Opportunismus. Wegen eines Wählerpotenzials von mehr als zehn Millionen Stimmen.

Konrad Adenauer war kein bloßer Opportunist. Er hatte Grundsätze und dachte weiter. Er wusste, dass der Aufbau einer stabilen Demokratie nur gelingen konnte, wenn man es schaffte, diese zehn Millionen Menschen in Staat und Gesellschaft zu integrieren. Ließ man sie außen vor, dann würden bald Weimarer Verhältnisse einkehren. Ähnlich dachte SPD-Chef Kurt Schumacher. Der kriegsversehrte Sozialdemokrat war jahrelang in Konzentrationslagern eingesperrt. Er starb an den Folgen der unmenschlichen Haft. Aber auch Schumacher tat alles, um die ehemaligen Nazis an die Demokratie und ihre Gremien zu gewöhnen. Ab Ende der sechziger Jahre hat Willy Brandt begonnen, die Außerparlamentarische Opposition mit seiner Partei und später mit dem demokratischen Staat zu versöhnen. Er lud die Möchtegernrevoluzzer, politischen Schwärmer und Chaoten zum Marsch durch die Institutionen ein. Viele von ihnen hatten Gewalt, ja Terror klammheimlich befürwortet. An Stelle des revolutionären Elans traten im Laufe der Zeit politisches Denken, Pragmatismus, ja Opportunismus. Die Feindschaft zum Staat wurde überwunden.

Die Nazis waren die schlimmsten Verbrecher. Ihre zahllosen Mitläufer trugen Mitverantwortung an Angriffskriegen und Völkermord. Und doch gab es keine Alternative, als sie mit dem Staat zu versöhnen. Schließlich wurde der ehemalige Parteigenosse Kurt Georg Kiesinger sogar Bundeskanzler.

Ist es klug, heute den wirrköpfigen, aufgehetzten, oft kriminellen Enkeln der Nazis zu verwehren, was wir ihren Großvätern offerierten? Welchen Sinn hätte ein Aussteigerprogramm für reuige Skinheads und rechte Gewalttäter, wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit gewähren würden, wieder Teil unserer demokratischen Gesellschaft zu werden?

Bei Wolfgang Thierse mag ebenso wie einst bei Konrad Adenauer und Willy Brandt politischer Opportunismus mit im Spiel sein. Doch das entscheidende Motiv dieser Politiker sollten wir alle teilen: einen möglichst großen Teil unserer Jugend mit der Demokratie zu versöhnen. Diese Menschen zu unseren humanen Werten zu führen.

Das schmerzt viele. Am meisten die Hinterbliebenen. Die Angehörigen der Opfer des Völkermords und die Familien, die Opfer von Terroristen wurden. Doch es gibt keine Alternative zur Versöhnung. Wenn ein ehemaliger SS-Mann SPD-Oberbürgermeister von Dortmund werden darf, dann muss es möglich sein, auch verhetzte Skinheads wieder in die Mitte der Gesellschaft zu führen - nachdem sie, anders als die meisten Nazis, für ihre Taten bestraft wurden. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn weite Teile der Bevölkerung sie gutheißt und ihre humanen Werte, an erster Stelle Menschenwürde, teilt.

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