Umsturz in Tunesien : In die Wüste geschickt

320 Millionen Araber erlebten live über Al Dschasira mit, wie schlagartig eine Machtpraxis zusammenbrechen kann, wenn Drohungen und scharfe Schüsse die Menschen nicht mehr einschüchtern. Ob der Freitag als historischer Wendepunkt in die Geschichte der Region eingeht, kann heute niemand sagen.

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Zehntausende arabische Blogger im Internet fallen sich virtuell in die Arme. Twitter und Facebook laufen über mit Glückwünschen an das tunesische Volk. „Mubarak, auch dein Flugzeug wartet schon“, skandierten Demonstranten in Kairo. Die schwarze Sonderpolizei ließ sie gewähren, sonst sofort mit Knüppel und Tränengas zur Hand. Das Echo von Tunis werde in der ganzen Region zu hören sein, kommentierte eine libanesische Zeitung. In der Tat: Noch nie in der modernen Geschichte des Nahen Ostens hat ein arabisches Volk aus eigener Kraft seinen Diktator davongejagt. Nun fürchten die übrigen Autokraten und hoffen deren Untertanen, der politische Frühling der kleinen Mittelmeernation könnte Schule machen.

Denn die Zutaten des tunesischen Aufstands sind auch in Staaten wie Ägypten, Algerien, Syrien oder Libyen reichlich vorhanden. Bereicherung weniger und Arbeitslosigkeit vieler, schamlos gefälschte Wahlen und Unterdrückung der Opposition. Noch bis Anfang vergangener Woche galten Heerscharen von Regierungsschnüfflern und Polizeischlägern in Zivil, Folterzellen und Menschenrechtsverletzungen als unerschütterbare Eckpfeiler arabischer Staatsgewalt. Für ihre Stabilität setzen die Langzeit-Potentaten auf Repression und Übermacht der Sicherheitskräfte. Um Transparenz und innere Zustimmung ihrer Bevölkerungen haben sie sich nie bemüht. Mitsprache bei der Macht galt ihnen als ebenso überflüssig wie freie Presse und Vielfalt von Parteien. Und wer den Mund zu weit aufmacht, hat schnell einen Knüppel im Hals.

Umso verblüffender das Wunder von Tunis. 320 Millionen Araber erlebten live über Al Dschasira mit, wie schlagartig diese Machtpraxis zusammenbrechen kann, wenn Drohungen und Prügel, Gefängnis und sogar scharfe Schüsse die Menschen nicht mehr einschüchtern. Ob der heroische Freitag allerdings als historischer Wendepunkt in die Geschichte der Region eingeht oder nur als Strohfeuer mit Freudentänzen, kann heute niemand sagen. Denn die Kapazität arabischer Regime, Erschütterungen zu überstehen, bleibt nach wie vor beträchtlich – auch wenn Ägyptens Hosni Mubarak jetzt wohl nicht mehr wagen wird, sich im September für eine sechste Amtszeit ins Präsidentenamt akklamieren zu lassen. Auch mündet die Vertreibung des Diktators Ben Ali nicht automatisch in eine funktionierende Demokratie, so bewundernswert der Mut der Menschen auch ist. Tunesiens Zivilgesellschaft ist kaum entwickelt, die politische Opposition dezimiert und desorganisiert. Es fehlt an Vordenkern und an Erfahrung, um den Seilschaften der bisherigen Machtelite das Heft aus der Hand nehmen zu können. Das tunesische Exil musste über Jahrzehnte abseitsstehen, so dass ihm die eigene Heimat fremd geworden ist. Dagegen könnten die Islamisten nach Jahren harter Unterdrückung bald eine problematische Blüte erleben.

Und so werden jetzt viele Araber gebannt darauf warten, wie Tunesien seine Selbstbefreiung meistert. Ob das Land in Gewalt versinkt, wie vor zwei Jahrzehnten der Nachbar Algerien. Ob dem geflohenen „Ceausescu der Sanddünen“ doch wieder ein starker Mann folgt, der die Zügel zwar etwas lockerer lässt – aber ansonsten alles beim Alten. Oder ob tatsächlich ein demokratischer Schlussstrich unter die Diktatur von Ben Ali gelingt, der zum Leitbild werden könnte für alle arabischen Völker.

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