Umweltpolitik : Von der Hand in den Mund

Tornados, Wasserschäden, Waldbrände: Die jüngsten Katastrophen zeigen, dass die USA zu wenig in ihre Zukunft investieren.

Christoph von Marschall

Diesmal gibt niemand George W. Bush die Schuld. Die USA erleiden eine Flutkatastrophe, die wie „Katrina 2“ wirkt – der Name des Hurrikans, der 2005 New Orleans zerstörte, wurde zum Synonym für das Versagen der Bush-Regierung bei der Katastrophenhilfe. Parallel erlebt Washington bei einem flächendeckenden Stromausfall ein Krisenmanagement, wie man es allenfalls in der Dritten Welt für möglich gehalten hätte, nicht aber im Zentrum der Weltmacht.

Bush hat Glück. Weder gibt es Tote noch Bilder von Hunderttausenden hilflosen Obdachlosen. Da fällt nicht auf, dass der Präsident abermals weit vom Geschehen weilt, damals auf seiner Ranch in Texas, jetzt auf Europa-Abschiedstour. Iowa ist nicht Louisiana. Auch dort brechen Deiche, aber im Mittleren Westen sind die Bürger besser in Selbstschutz und Eigenorganisation. Wie viel glimpflicher hätte „Katrina 1“ ausgehen können, wenn Menschen und Behörden im Süden 2005 ähnlich verantwortungsvoll reagiert hätten? Wo die Zivilgesellschaft funktioniert, hängt weniger ab von Leistung oder Versagen des Präsidenten.

Ganz anders die Hauptstadt. Nur im Weißen Haus klappte die Nothilfe, als für Stunden der Strom in der gesamten Innenstadt wegblieb. Rundum dagegen Chaos. Die Verkehrsbetriebe nutzen die Notaggregate nicht, U-Bahn-Kunden fanden nur dank der Leuchtkraft ihrer Handys den Weg aus den Bahnhöfen ins Freie. Auch nach Stunden fehlten weit und breit Polizisten, um den Verkehr bei ausgefallenen Ampeln zu regeln. Man mag sich nach dieser Erfahrung nicht ausmalen, wie diese Stadt bei einem Terroranschlag aussieht, der Hunderttausende in Panik das Weite suchen lässt.

Eines verbindet all diese Bilder von Katastrophen und Versagen im Krisenmanagement – und dieser Faktor gefährdet wohl weit mehr Menschenleben in den USA als die Terrorgefahr: ausbleibende Investitionen in die Infrastruktur der formal stärksten Wirtschaftsmacht der Welt. Ob brechende Deiche in New Orleans oder Iowa, ob der Kurzschluss, der Washington lahmlegt, oder die einbrechende Autobahnbrücke in Minneapolis, die im August 2007 13 Menschen in den Tod riss: Überall ist Materialversagen die Ursache, nachdem zuvor in sträflichster Weise Reparaturen und Instandhaltung vernachlässigt worden waren – in der Regel aus Geldmangel.

Und das fällt dann doch in Bushs Verantwortung, auch wenn die Fehlentwicklung nicht unter ihm begann. Seit Jahrzehnten setzt die Politik falsche Prioritären beim Einsatz von Steuergeldern. Für die kurzfristige Ankurbelung von Konsumlust und Wirtschaftswachstum stehen Milliarden bereit. Nachhaltigkeit kommt zu kurz. Wenn die USA das wahre Rückgrat ihrer Wirtschaftskraft, die Infrastruktur, nicht besser pflegen, werden immer häufiger Unglücke ganze Regionen lahmlegen, jenseits von Naturkatastrophen und Terroranschlägen.

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