Meinung : UN-Rassismuskonferenz: Geld und Gesten

Caroline Fetscher

Was wäre, wenn sich die Frauen dieser Erde zu einer Welt-Sexismus-Konferenz versammelten? Sie würden den vergangenen 20 000 Jahren Patriarchat den Prozess machen, selbstverständlich. Dann wäre es aus mit weichen feministischen Forderungen, der Mann müsse auch mal die Spülmaschine ausräumen und den Kinderbuggy schieben. Dann ginge es um Milliarden an Entschädigung, die Männerwirtschaft sähe sich in der Pflicht, die kommenden Jahrhunderte lang erst einmal abzubezahlen. Polemik? Ja. Und Wahrheit auch: Das Leiden der Frauen und Mädchen in der Geschichte gäbe dem moralischen Anspruch Boden genug.

In Durban ist die dritte Weltkonferenz der UN teilweise gescheitert. Ursache sind die beiden heißesten politischen Eisen, die Kofi Annan mit seiner Eröffnungsrede hatte kühlen wollen. Neben der Frage, ob der Zionismus einiger Israelis als Rassismus bezeichnet werden solle, bewegte Massen von Teilnehmern aus den USA und afrikanischen Staaten eine andere Frage - ob und wie die USA zur Entschädigung für die Epochen der Sklaverei zur Rechenschaft gezogen werden sollen und können. Finanziell und symbolisch, sie verlangen Kompensation für die Höllentage der Geschichte, für den "afrikanischen Holocaust". Dass die Delegationen Israels und der USA die Konferenz unter Protest verlassen haben, liegt, so spekulieren viele, auch an der Angst der Amerikaner vor der Lawine an Ansprüchen, die eine Resolution auslösen könnte, in der das weiße Amerika als Schuldner des schwarzen Amerika dastünde - und als Schuldner des Herkunftskontinents der African Americans. Die Panik dieser "Rassenflucht" aus Durban erklärt sich aus dem Radikalökonomismus der USA. Sie haben Angst, zahlen zu müssen.

Dabei ginge es gar nicht um Milliarden. Es geht, wo das Unrecht viele Generationen entfernt seine Ursache hat, nicht um Geld. Es ginge um den enormen Gewinn von sozialem Kapital, wenn die US-Regierung den verständlichen Forderungen schwarzer Bürgerinnen und Bürger nachkäme, und zumindest klare Entschuldigungen als Selbstverständlichkeit ansähe. In Ausnahmefällen gab es solche Gesten bereits. Offizielle Politik sind sie noch nicht. Wo ist die Grenze? Wofür sollen wir noch zahlen, uns entschuldigen? Wann ist endlich Schluss? So verharren die Gegner der Forderungen in Trotz.

Sie wären gut beraten, wenn sie einsähen, dass eine Geste, die den sozialen Frieden festigt, mit Millionen nicht aufzuwiegen ist. Sie bringt, langfristig gesehen, auch ökonomischen Profit - der ja nur in einem Klima der Anerkennung und Partizipation gedeiht.

Als Willy Brandt in Polen niederkniete, brach das Eis, das die Passagen zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn unschiffbar gemacht hatte. Seine Geste war wichtig für die Entspannungspolitik. Die Früchte erntet heute ein friedliches, neues Europa. Würden sich Serben bei Albanern entschuldigen, wäre der soziale Friede der Region um einen Schritt weiter, der mit Milliarden an Hilfsgeldern nicht zu erkaufen ist. Kofi Annan, der in seiner Rede das Leid der Juden und den Zorn der Palästinenser anerkannte, machte auch darauf aufmerksam, dass pausenlose Forderungen im Angesicht der Vergangenheit, keine Lösung für die Gegenwart sind. Seine politische Weitsicht hätte die Konferenz beflügeln können. Es scheint, er ist vielen weit, sehr weit voraus.

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