Meinung : Unbehagen in Mitte

Von Euphorie und Spendenbereitschaft keine Spur: Warum die Zweifel an Franco Stellas Befähigung zum Schlossbau ernst zu nehmen sind

Christina Tilmann

Hätte es irgendjemanden interessiert, ob der Architekt Franco Stella in seinem Büro in Vicenza seinen Bruder, einen Praktikanten oder seine Schwiegermutter beschäftigt? Ob er zuletzt eine Messehalle, eine Turnhalle oder eine Trinkhalle gebaut hat? Wenn der Entwurf zum Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz tatsächlich ein großer Wurf geworden wäre: Wer hätte noch misstrauisch nach Befähigung und Verfahrensgenauigkeit gefragt?

Natürlich, bei Bauvorhaben der öffentlichen Hand, erst recht solchen im dreistelligen Millionenbereich, muss alles mit rechten Dingen zugehen, das verlangt allein das Gebot der Fairness gegenüber den Konkurrenten. Und wo unterstützende Büros europaweit ausgeschrieben werden müssen, müssen sie eben ausgeschrieben werden. Doch die erneuten Diskussionen sind vor allem Ausdruck eines Unbehagens gegenüber dem Ergebnis, das zwar den Vorgaben exakt entspricht, aber eben in keiner Weise herausragend ist.

Jede Möglichkeit, den Wettbewerb um die bedeutendste Baustelle der Republik nun nachträglich doch noch anzufechten, kommt da offenbar recht. Sollte das Verfahren wegen mangelnder Kontrolle des Bauministeriums tatsächlich noch einmal aufgerollt werden, wäre das eine Riesenblamage für die Bundesbehörde – und eine Chance für alle, die das Ergebnis enttäuscht hat.

Erinnern wir uns: Vorangegangen waren ein jahrelanger Streit um Form und Inhalt, um Fassade und Ausgestaltung. Dann äußerte die Jury kurz vor der Entscheidung im vergangenen Herbst öffentlich Zweifel am Sinn des Verfahrens, und schließlich gab es eine Reihe von Entwürfen, die sich mehr oder weniger geschickt mit der Forderung nach Kuppel und Hofüberdachung, nach der Rekonstruktion der Barockfassade und einer offenen Agora auseinandersetzten.

Kein Entwurf war dabei, über den es zu streiten lohnte, den man wirklich gern an dieser zentralen Stelle gebaut sähe. Franco Stellas Siegerentwurf mag unter diesen Versuchen noch der klassizistischste und rationalste gewesen sein – begeistern konnte auch er nicht. Und nicht umsonst ist das öffentliche Interesse an dem Projekt, seit die Entscheidung für die Rekonstruktion der Fassaden gefallen ist, schlagartig zurückgegangen.

Zu viele Fragen, die noch immer nicht schlüssig beantwortet sind: Gehören außereuropäische Sammlungen in eine barocke Hülle? Passt das Raumvolumen überhaupt in die Schlosskubatur? Wäre, wenn es Rekonstruktion sein soll, der sinnvollere Inhalt nicht doch die Gemäldegalerie, über deren Umzug zur Museumsinsel gerade gestritten wird? Ohne Agora, Multikulti und Bibliotheksschaufenster? Über all das ist jahrelang diskutiert worden – ohne befriedigendes Ergebnis.

Mehr denn je fehlt ein gesellschaftlicher Konsens – jenseits der verhärteten Fronten. Von Euphorie und Spendenbereitschaft ganz zu schweigen. Vielleicht ist wie beim Einheitsdenkmal die Zeit noch nicht reif – oder nicht mehr. Franco Stella könnte ein Bauernopfer sein. Doch auf Unbehagen gründet man keinen Millionenbau.

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