Meinung : Und ewig grüßt der Aktionär

Daimler-Chrysler wird bei der Jahreshauptversammlung einiges erklären müssen

Alfons Frese

Im Verlauf des Nachmittags, meistens so gegen 16 Uhr, wird Hilmar Kopper puterrot. Dann dauert die Veranstaltung schon sechs Stunden und der Zorn ist in ihm hochgestiegen. Kopper platzt gleich. Einige Aktionäre der Daimler-Chrysler AG beschimpfen ihn wie einen Straßenräuber. Hilmar Kopper, ehemals Chef der Deutschen Bank, seit vielen Jahren Aufsichtsratsvorsitzender von Daimler-Chrysler, muss in jedem Frühjahr die Hauptversammlung des Unternehmens mit einigen tausend Aktionären leiten. Früher war das schön, da glänzte die Firma unterm Mercedesstern und die Großmanager ließen sich feiern. Doch seit Jahren gibt es Ärger. Viele Anleger haben viel Geld mit der Aktie des Unternehmens verloren. Seit fünf Jahren, seit der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler, ist der Kurs beträchtlich gesunken. Und damit die Stimmung der Aktionäre. Deshalb lassen sie in jedem Frühjahr Dampf ab, bezichtigen die Strategen an der Unternehmensspitze als Kapitalvernichter und rufen dazu auf, die Kumpels Kopper und Schrempp vom Hof zu jagen. Bislang ohne Erfolg. Im Gegenteil.

Der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp wird bis 2008 verlängert und auch Kopper hängt noch ein paar Jährchen dran. Die beiden Hauptverantwortlichen für die Konzernstrategie wollen ihr Programm trotz derber Rückschläge durchziehen. Und die Mehrheit der Aktionäre – neben der Deutschen Bank mit zwölf Prozent und Kuwait mit sieben Prozent sind das vor allem Fonds und Versicherungen – lässt die beiden machen. Ein wenig erinnert das an Jürgen Schneider, den Baulöwen: Irgendwie wird es schon funktionieren, hatten sich die Banken gesagt und immer mehr Milliarden in sein marodes Immobilienreich gepumpt. Bis das Konstrukt zusammenbrach. Kopper benutzte damals den Begriff Peanuts für die Millionenforderungen von Handwerkern, denen wegen der Schneider-Pleite selbst das Ende drohte.

Die Strategie von Schrempp/Kopper lässt sich auf eine schlichte Formel bringen: Größenvorteile sind Kostenvorteile. Wenn eine Firma viele Autos baut und verkauft, dann können Entwicklungskosten auf entsprechend viele Autos verteilt werden; der Einkauf von Autoteilen wird billiger, weil man mehr Teile kauft und schließlich können Teile von dem Auto X im Auto Y verwendet werden. Auch das spart Geld. Schließlich können die Marken der Welt AG – neben Mercedes sind das vor allem Chrysler, Mitsubishi, Smart, Maybach und diverse Lkw-Marken – alle Autos in allen Spielarten auf allen Märkten der Welt anbieten. Eine derart breite Produktpalette hat weltweit kein zweiter Autokonzern. Dieser Umstand hat Schrempp schon vor Jahren zu der Ansage verführt, Daimler-Chrysler werde der profitabelste Autokonzern der Welt.

Wenn sich die Aktionäre daran erinnern, stöhnen sie auf. Doch das hilft nichts. Für das Abstoßen von Chrysler und Mitsubishi ist es vermutlich zu spät. Zu viel Geld ist in die Sanierung von Chrysler geflossen, und ohne die japanische Mitsubishi, die vor allem mit Chrysler kooperieren soll, macht die ganze Welt AG keinen Sinn. Also muss weiter Geld locker gemacht werden für die schwächelnden Konzernschwestern in Übersee. Geld, dass Mercedes-Benz verdient.

Damit die Aktionäre einigermaßen Ruhe geben, zahlt Daimler-Chrysler wieder eine ordentliche Dividende, obwohl der Gewinn zuletzt deutlich gesunken ist. Und ansonsten bleibt nur die Hoffnung. Schrempp hat angekündigt, dass ab 2005 die „starken Jahre“ kommen. Solche Versprechungen kennt man schon. Deshalb wird er auf der heutigen Hauptversammlung im Berliner ICC Hohn und Spott dafür kassieren. Und Versammlungsleiter Kopper wird wieder so rot anlaufen wie im letzten Jahr. Weil sich im Konzern nichts zum Guten verändert hat.

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