Meinung : Und jetzt kommt der Regen Von Ingrid Müller

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Sind wir im Sudan schon wieder zu spät dran? Seit Wochen schon sieht die Welt Bilder von geflohenen Menschen aus dem Westen des Landes, die Flüchtlingslager an der Grenze in Tschad füllen sich mehr und mehr. Eine Million Schwarze wurde vertrieben, 10 000 wurden getötet. Die Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe immensen Ausmaßes im größten Flächenstaat Afrikas. UNGeneralsekretär Kofi Annan hat bereits am zehnten Jahrestag des Völkermordes von Ruanda Anfang April gemahnt, die Weltgemeinschaft dürfe nicht wie damals wegschauen. Doch viel ist nicht geschehen.

Was hat es zu bedeuten, dass die Regierung in Khartum plötzlich ankündigt, jetzt dürften Helfer mit Drei-Monats-Visa in die Katastrophenregion Darfur? Nun soll es vorbei sein mit Drei-Tages-Pseudovisa, die schon bei der Ausgabe ungültig waren. Erst einmal ist die Weltgemeinschaft erleichtert, scheint es doch so, als habe der Druck, in jüngster Zeit auch aus den USA, Erfolg. Allerdings hat Präsident Omar al Baschir bereits des Öfteren Zusagen gegeben, aber nicht eingehalten. Es könnte ein findiger Weg sein, um die Welt glauben zu machen, er lenke ein. Die Welthungerhilfe warnt, dass es weniger darum gehe, Helfer im Land zu haben, als dass die Regierung genehmige, die Lebensmittel, die für 100 000 Menschen reichten, auch zu verteilen. Möglicherweise will Khartum nur Zeit gewinnen, um die ethnische Säuberung fortzusetzen.

Es geht nicht um nur eine der Hungerkatastrophen, die viele in Europa schon mal als „afrikanisches Übel“ abtun. Hier geht es um systematische Vertreibung und Ausrottung. Nicht umsonst wird Annan den Vergleich zu Ruanda gezogen haben; heute sagt er, er hätte damals mehr tun müssen – also wohl auch können.

Sicher kann die Staatengemeinschaft nicht überall Friedenssoldaten hinschicken. Sicher sind schon jetzt viele internationale Truppen anderswo auf der Welt unterwegs, Sudan steht nicht im Fokus des Interesses. Die UN sollten aber überlegen, ob sie nicht doch Soldaten schicken – und benennen, wer sich beteiligen würde. Sonst können sie die Ankündigung gleich lassen. Vielleicht ginge es mit Unterstützung afrikanischer Truppen. Aber nur wenn der internationale Druck nicht nachlässt, ist noch etwas zu retten. Die Welt ist ohnehin spät dran. Nicht nur, weil jetzt der Regen kommt und viele Wege unpassierbar werden.

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