Meinung : Und raus bist du

Der Schattenkanzler Stoiber ist keiner mehr – auch als Bundespräsident würde er der CSU schaden

Peter Siebenmorgen

Es gibt ihn tatsächlich, den Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Aus ihrer 58-jährigen Geschichte sind die Beispiele zuhauf bekannt, da die kleine CSU Geschick und Richtung der CDU erheblich mitbestimmte. Was unter Franz Josef Strauß begann, konnte Edmund Stoiber erfolgreich fortführen: Allmählich wurde aus den vielen kleineren und größeren Episoden Methode und Muster. Am heftigsten aber wedelte der Schwanz mit dem Hund im vergangenen Jahr, als der CSU-Chef Kanzlerkandidat wurde.

Nach dem überragenden Sieg der CSU bei den bayerischen Landtagswahlen konnte man meinen, es gehe so weiter. Der Triumph der Christsozialen nährte den Glauben, die Union habe einen Kanzlerkandidaten auf ewig im Vorrat: Stoiber. Seit dem Leipziger Parteitag der CDU sehen die Verhältnisse definitiv anders aus. Angela Merkel ist jetzt nicht nur mit Blick auf die nächste reguläre Bundestagswahl 2006 in der Vorhand. Nach jetzigem Stand ist sie es auch für den Fall, dass Rot-Grün vorzeitig scheitern sollte. Denn die CDU, von der kleinen bayerischen Schwester unzählige Male als ungeordneter Sauhaufen gescholten, hat mit einer bemerkenswerten Disziplinleistung dem Chef der CSU die kalte Schulter gezeigt. Anders als im Jahr der vergangenen Bundestagswahl will sie ihn nicht mehr als den gemeinsamen Führungsmann beider Unionsparteien.

Edmund Stoiber, dessen großportionierter Ehrgeiz nur noch von seinem Realitätssinn übertroffen wird, dürfte das Signal von Leipzig verstanden haben. Aus eigener Kraft kann er fast gar nichts mehr tun, um seine Ausgangsposition für den Kampf ums Kanzleramt zu verbessern. Ähnlich wie Roland Koch, wenn auch aus anderen Gründen, kann er eigentlich nur noch auf Fehler von Angela Merkel hoffen.

Ein solches Ausgeliefertsein allerdings ist für einen derart tatendurstigen, grundnervösen Charakter wie Stoiber unerträglich. Wäre es da nicht vielleicht doch erwägenswert, das Amt des Bundespräsidenten anzustreben? In der CDU-Spitze setzen sie seit langem darauf: Wenn der CSU-Chef keine wahrscheinliche Perspektive für eine eigene Kanzlerschaft mehr sieht, dann räumt er das Feld der Macht- und Tagespolitik womöglich freiwillig. Und im Grunde ist die Situation jetzt, nach Leipzig, da.

Oft und unmissverständlich hat Stoiber allerdings erklärt, dass Staatsoberhaupt zu werden für ihn nicht erstrebenswert sei. Mit seiner kämpferischen Rede auf dem Parteitag der Unions-Schwester hat er zudem für alle, die es vergessen haben sollten, in Erinnerung gerufen, dass ihm in Wort und Auftritt das Erhabene und Elegante des höchsten Amtes der Republik tatsächlich überhaupt nicht liegt. Stoiber ist mit Leib und Seele Parteipolitiker, genauer: CSU-Chef.

Selbst wenn er im stillen Wolfratshauser Kämmerlein darüber nachdenken sollte, ob nun, da er den Zenit seiner (macht-)politischen Laufbahn vielleicht überschritten hat, ein Umzug ins Schloss Bellevue vielleicht doch seinen ganz eigenen Reiz für ihn haben könnte – die Mehrheit dürfte ihm gewiss sein –, wird er wohl bleiben müssen. Ein Nachfolger als CSU-Vorsitzender, der auch nur annähernd so großes Gewicht wie er in der Gesamtunion besäße, ist weit und breit nicht in Sicht. Günther Beckstein, Erwin Huber, Horst Seehofer – ein flüchtiger Blick auf die in Frage kommenden Namen genügt für diesen Befund. Sie dürften schwachen Beifall bei der Schwesterpartei nicht einmal als Strafe werten. Wenn sich aber der Hund erst einmal daran gewöhnt, mit dem Schwanz zu wedeln, ist es endgültig aus mit der besonderen Rolle der CSU. Nichts anderes stünde auf dem Spiel, wollte Stoiber doch noch Bundespräsident werden.

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