Meinung : Und was mache ich jetzt?

Zweimal in der Geschichte sind Völker über längere Zeit aus der Luft mit Lebensmitteln versorgt worden: zum einen die Israeliten, für die der HERR nach dem Auszug aus Ägypten "etwas Feines, Körniges, fein wie der Reif auf der Erde" (2. Mose 16) vom Himmel fallen ließ, das weiß war wie Koriandersamen und nach Honigkuchen schmeckte. Die Israeliten nannten es Manna. Zum anderen das Volk der Berliner (West), welches nach dem Krieg über die Luftbrücke versorgt wurde, mit Paketen, in denen sich pulverisierte Eier befanden, auch Rosinen sowie etwas Zerkleinertes, Gepökeltes und Gewürztes, das rot war wie das Fleisch halbfetter Rinder und entfernt ähnlich schmeckte. Die Berliner nannten es Corned Beef, weil, nun ja, weil die Amerikaner es auch so nannten. Die Israeliten aßen das Manna vierzig Jahre lang. Die Berliner lebten von der Luftbrücke knapp elf Monate. Und über Afghanistan fallen nun seit einer Woche neben Bomben auch Lebensmittelpakete. Sie enthalten, zum Beispiel, neben einem Frühstück aus Keksen, Erdnussbutter, Marmelade und einem Müsliriegel zwei Hauptmahlzeiten aus Linseneintopf und Kräuterreis. Als Nachtisch: eine Apfeltasche zum Aufwärmen. Mikrowellen-Geräte werden nicht abgeworfen. Stattdessen finden sich in den Paketen Erfrischungstücher, eine Serviette und ein Löffel. Außerdem eine Gebrauchsanweisung. Die ist sehr wichtig, damit die Afghanen nicht aus Versehen die zwei Hauptmahlzeiten auf einmal verdrücken, sich die Apfeltasche kalt reinziehen und das Frühstück dann erst abends essen. Was soll man sagen? Es ist ja auch rührend, denkt man, eine seltsam hilflose Art der Hilfsbereitschaft; wenigstens werfen sie nicht Big-Mac-Menüs mit großer Cola ab. Es ist zynisch, sagen Hilfsorganisationen, weil die Afghanen Wasser und Weizen bräuchten und man ihnen für gleiches Geld mehr davon liefern könnte. Außerdem landeten die Erdnussbutterpakete vielleicht in Felsspalten oder Minenfeldern. Nein, sagen die Amerikaner, sie könnten heute besser zielen als im Golfkrieg. Damals wurden Kurden von herabsegelnden Essens-Paletten erschlagen. Im Sudan hatten abgeworfene Wasserflaschen die Durchschlagskraft kleiner Raketen. Die Pakete seien eine Geste, sagen die Amerikaner. Gesten kann man nicht essen, sagen die Hilfsorganisationen. Was soll man sagen? Man hofft. Dass es nicht mehr so viele Gelegenheiten in der Geschichte geben möge, in denen die Army neue Erfahrungen mit solchen Aktionen sammeln könnte. Dass die Amerikaner vom Terroristenjagen mehr verstehen als von den Nahrungsbedürfnissen hungernder Flüchtlinge. Dass bin Laden bald etwas sehr Schweres auf den Kopf fällt, und seien es ein Fass Erdnussbutter oder tausend kalte Apfeltaschen. Man hofft.

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