Meinung : Und was mache ich jetzt?

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Zeitung lesen, Zeitung lesen, bitte sehr, man lernt jeden Tag dazu, das Wissen vertieft sich, die Landkarte Afghanistans habe ich nun im Kopf, all die Pässe und halb befestigten Straßen von Masar-i-Scharif bis Kandahar, von Herat bis Jalalabad. Apropos Jalalabad: Im neuesten New Yorker gibt es einen Cartoon, da geht ein Mann auf der Straße und sagt, nachdenklich die Wörter im Mund rollend: "Jalalabad. I really enjoy saying Jalalabad." Auch im Fußball prägten sich dieser Tage Namen ein, die bisher nicht sooo geläufig waren, Ballallallack zum Beispiel, der dreifache Torschütze gegen die Ukraine, und natürlich "Rudi-Rudi Rallala" (Bild), na, den kannten wir. Wer wusste aber, welch ein Kerl Fralalalank Baumann ist, auch er Nationalspieler nämlich nun, eingewechselt für den blond-erschöpften Rehmer - ein Held. Ich hätte ihn vorher dem Namen nach für einen Speerwerfer oder so gehalten, den Baumann. Wenn überhaupt.

Seltsam übrigens, dass es im Bundestag nicht so was wie Reserve-Abgeordnete gibt, die man bei Verletzungen, Krankheiten, Hochschwangerschaften auflaufen lassen könnte, es gibt immer Bedarf, seit langer Zeit. Als 1972 Barzel gegen Brandt antrat, musste man zwei Parlamentarier im Rollstuhl zur Abstimmung bringen, zehn Jahre später bei Kohl vs. Schmidt sogar einen Windpockenkranken namens Heyenn herbeischleppen. Und man denke an die fünfte Kohlkanzlerwahl 1994 - da wurde der CDU-Abgeordnete Richter aus dem Bett geholt, er hatte verschlafen und stürzte fast im Pyjama zur Abstimmung, gerade noch vor den Letzten im Alphabet, Zöpel, Zumkley, Zwerenz. So was im Fußball? Unmöglich.

Politiker-Namen der Woche: Buntenbach, Schewe-Gerigk, Simmert ... All diese Leute, die vor Millionen Augen herumgrübelten, wie sie es nun halten sollten mit dem "rot-grünen Projekt". Seltsam: Wie das ist, wenn alle paar Jahre die ganze Macht plötzlich in den Händen von ein paar unbekannten Überforderten landet. Erinnert sich jemand an den Landwirt Helms, den Freiherrn von Kühlmann-Stumm, den Unternehmer Kienbaum? Die spielten eine große Rolle, als es 1972 um die Ostverträge und um Barzels Misstrauensvotum ging. Bilder der Woche: Jene Abgeordnete, welche die SPD-Fraktion verließ und gegen Schröder stimmte - leichenblass und allein zwischen leeren Sitzen herumirrend, nach einem Platz suchend. Sie sah aus wie ein orientierungsloses Tier, von der Herde verstoßen. Ein Bild tiefer Einsamkeit. Es war sehr traurig. So sieht es aus, wenn man plötzlich in die Mühlen der Macht geraten ist, sich nicht fügt. Nach der Abstimmung suchte sie als Erste des Kanzlers Nähe, ließ sich gar in den Arm nehmen. Das war fast noch trauriger. Wie hieß die Frau gleich? Schon vergessen.

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