Meinung : Und was mache ich jetzt?

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Der Krieg und die Tiere. Eines der erschütterndsten Kapitel in Erich Maria Remarques berühmten Kriegsroman Im Westen nichts Neues handelt vom Schreien durch Artillerietreffer verwundeter Pferde in der Nacht: ein Schreien, das die abgebrühtesten Soldaten wahnsinnig macht und so lange dauert, bis endlich Sanitäter zu den verletzten Tieren vordringen können, um sie zu erschießen. Als das Geheul zu Ende ist und nur ein langgezogener, ersterbender Seufzer in der Luft hängt, nehmen die Männer die Hände von den Ohren, und einer sagt:"Das sage ich euch, es ist die allergrößte Gemeinheit, dass Tiere im Krieg sind".

Der Krieg und die Tiere. Sicher sind es die Pferde, welche die größten Opfer gebracht haben in den Kriegen der Menschen. Allein dem französischen Marschall Ney wurden bei Waterloo fünf Pferde unter dem Hintern erschossen, und auf dem Schlachtfeld blieben Wälle aus Tausenden toter Tiere zurück. Heute sieht man manchmal ein paar US-Soldaten durch Afghanistan reiten, High-Tech-Krieger zu Ross, ein seltsam unwirkliches Bild. Und Leopard, Marder, Luchs - das sind keine Tiere. Sondern Panzer. Doch hörten wir diese Woche aus Kabul die Geschichte des traurigsten Zoos der Welt, bestehend aus einem einsamen Affen, einem gehbehinderten Bären und einem blinden, zahnlosen Löwen. Dieser Löwe, er heißt Marjan, hatte vor einer Weile einen Soldaten gefressen, der in seinen Käfig geklettert war, um sich neben ihm fotografieren zu lassen - unbewaffnet und offensichtlich in Unkenntnis der Gefahren, welche von Löwen ausgehen. Oder war der Mann ein Selbstmordattentäter? Jedenfalls war er nicht Herakles, der den nemeïschen Löwen mit bloßer Hand erwürgte. Am nächsten Tag kam der Bruder des Soldaten und bewarf den Löwen mit einer Handgranate. Sie raubte dem Tier Augenlicht und Gebiss. So wurde Marjan zum Kriegskrüppel. Nun werden Spenden für ihn gesammelt. Spenden? Bitte, es gibt in Afghanistan und anderswo zig Millionen von Menschen, die Hilfe brauchen - und wir sollen für einen Löwen...? Aber er rührt uns doch, er rührt uns sehr.

Der Krieg, die Tiere. Als im November 1943 das Berliner Aquarium von Bomben getroffen wurde, wurden die Echsen aus den Becken geschleudert. Sie lagen hilflos unter Geröll, erstarrten in der Kälte. Wärter töteten sie. Was sollten sie tun? Man kochte ihr Fleisch, aß es. Wer hätte für Krokodile gespendet? Gibt es in Kabul Krokodile? Aß man sie? Keine Ahnung. Aber ein zahnloser, blinder, von einer Granate verkrüppelter Löwe in den Trümmern Kabuls, dazu ein hinkender Bär, ein trauriger Affe - es klingt wie eine Fabel, wie ein Symbol für das ganze, vom ewigen Krieg gequälte Volk. Wen das nicht rührt... Die allergrößte Gemeinheit? Ach, es gibt zu viele Gemeinheiten.

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