Meinung : Und was mache ich jetzt?

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Das ist nicht schön, dass unsere Kinder beim Pisa-Test in der Disziplin "Lesekompetenz" auf Platz 21 liegen. Aber es wird was getan! Die Kultusminister haben beschlossen: drei Monate Fernsehverbot für alle, jeden Tag Zimmer aufräumen, Schließungen von Diskotheken, massive Taschengeldkürzungen, Weihnachten keine Geschenke. Es muss durchgegriffen werden. Bereits hat Ministerpräsident Koch aus Hessen eine "Kultur der Anstrengung" gefordert, ja, man möchte mit Kochs eigenen Worten hinzufügen: die brutalstmögliche Kultur der Anstrengung. Er weiß, wovon er redet, konnte neulich vorm Untersuchungsausschuss die Hand nicht mehr zum Eid heben, so erschöpft war er vom Entsumpfen der hessischen CDU. Und vom Kampf gegen die Lüge. Er will Kindern ja auch moralisch das brutalstmögliche Vorbild sein. In der Hinsicht ist K. ebenfalls sehr anstrengend.

Wer liegt bei "Lesekompetenz" auf Platz eins? Finnland. Das wundert keinen. In Nordfinnland ist es im Winter 24 Stunden lang dunkel, da liest man viel. Und im Sommer ist es 24 Stunden lang hell, keiner kann schlafen, alle lesen. Weil der Finne so viel liest, spricht er wenig. In den Filmen von Aki Kaurismäki reden selbst Hauptpersonen oft zwanzig Minuten lang kein Wort. Wenn sie dann sprechen, sagen sie "Jaa-aa", und während sie "Jaa-aa" sagen, werden Untertitel eingeblendet, die eine ganze Geschichte erzählen, welche sich hinter dem "Jaa-aa" verbirgt. Diese Untertitel muss man lesen. Das stärkt die Lesekompetenz. Außerdem ist die finnische Sprache sehr kompliziert. Man muss genau lesen, um sie zu verstehen, weil die Wörter sich so ähneln: muta heißt Schlamm, mutta heißt aber, muuta heißt Sonstiges und muutaa bedeutet verändern. Und "Ausschuss zur Durchführung von Verhandlungen über die Einstellung von bewaffneten Feindseligkeiten" heißt aseleponeuvottelutoimikunta, ungelogen. Übrigens sind die Finnen so belesen, dass sich in ihrem Land die Hälfte aller auf der Welt befindlichen Vokale und Umlaute befindet. Sie können verschwenderisch damit umgehen und nennen Zitronenlimonade sitruunalimonaati und Ochsenschwanzsuppe häränhäntäliemi. Eiscreme? Jäätelö. Vor Jahren wollten die Tschechen den Finnen einige Tonnen Vokale abkaufen, weil sie keine hatten - aber die Finnen gaben nichts her, zu wichtig ist ihnen die Lesekompetenz. Deshalb heißt Eiscreme tschechisch immer noch zmrzlina, und das Land liegt bei der Pisa-Studie auf Rang 19. Vor Deutschland. Was heißt Koch auf Finnisch? Kokki. Und brutal? Brutaali. Sollten wir nicht Kokki brutaali zum Studienaufenthalt nach Finnland schicken, damit er - nach ein paar Jahren! - berichtet, wie die Lesekompetenz unserer Schüler zu stärken wäre? Jaa-aa.

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