Meinung : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Nun ist Muttertag, endlich, darauf leben wir seit Weihnachten hin, Vater, Sohn und Tochter, auch Enkel und Enkelin, alle dachten an den großen Tag, nur die Mütter sannen still: Ob sie’s nicht vergessen, dieses Mal … ? Allerliebste Mutterin! Hier die FerreroKüsschen, dort Geschmeide für den Hals und ein Wellness-Gutschein für den Rücken, auch den Frühstückstisch haben wir vor Tau und Tag gedeckt, und wohin soll’s zum Essen gehen?

Hatten wir nicht auch gerade Vatertag? Ja, hatten wir, zum ersten Mal vor dem Muttertag, doch ist das nicht wichtig, Vatertag ist was für junge Kerle, die erst Vater werden wollen – apropos! In den Zeitungen stand dieser Tage, dass praktisch niemand mehr Vater werden will, es liegt an allem Möglichen. Man findet zum Beispiel nicht mehr die passende Partnerin heute, erstens. Das scheint richtig schwer geworden zu sein, man müsste an staatliche Partner-Agenturen denken, der Markt regelt das nicht mehr allein. Monatliche Bekanntgabe der Partnerlosenrate! Bundesweite Dating-Tage unter Schirmherrschaft von Rudolf „Meine-Partei-erfriert-emotional“-Scharping! Solche Sachen.

Zweitens sind auch noch die Arbeitgeber gegen’s Vatersein, sie halten jeden Mann für eine Lusche, der schon um Fünfe heim zu Frau und Kindern eilt. Setzen eine Abendsitzung nach der anderen an; in der „Welt“ beklagte Geschlecht-Erforscher, nein, „Geschlechter-Forscher“ Peter Döge eine „stark ausgeprägte Anwesenheitskultur“ in den Unternehmen, ja, man brüste sich dort mit Rücksichtnahme auf die Mütter, setze aber Väter unter härtesten Anwesenheitskulturdruck.

Drittens natürlich die Wirtschaftskrise. Viertens möchte man nun darauf hinweisen, dass in einem Land, in dem die Männer sich vorm Vaterwerden zieren und jeder Kerl höchsten 0,7 Kinder zu haben anstrebt, dass dort also auch das Mutterwerden schwer ist. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Gipfel der Muttertagskultur möglicherweise hinter uns liegt, und dass die seit Jahrzehnten zu immer neuen Höhepunkten der Subtilität, Sinnenfreude, Generosität sich hinauf entwickelnden Freuden dieses Feiertages bereits Keime des Verfalls in sich tragen.

Wird es in 50 Jahren noch einen Muttertag geben? Falls ja, wird er aus mehr bestehen als dem Gratulationsreigen rüstiger Methusaleme vor uralten Müttern in ihren Residenzen? Wobei die Bibel zwar Henoch, den bei der Zeugung 65 Jahre alten – oho! – Vater Methusalems erwähnt, nicht aber dessen unbekannte Mutter; das hier nur nebenbei, aber eben doch.

Ferrero und Fleurop blicken in den Abgrund, mit ihnen die ganze Muttertags-Zulieferindustrie. Was wird aus den deutschen Pralinenfabriken? Gibt es eine Zukunft für unsere Parfumeure? Ernste, ja: wichtige Fragen, die wir im Taumel des heutigen Tages nicht vergessen sollten.

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