Meinung : Unfertig und provisorisch

In der Berliner SPD muss sich niemand über die guten Umfragewerte der CDU wundern. Klaus Wowereits Kunsthallenprojekt zeigt es: Die Sozialdemokraten wirken entrückt von den Sorgen der Stadt.

Gerd Nowakowski

Geld ausgeben – das ist doch keine Kunst. Was sind 30 Millionen Euro, wenn Berlin bis 2011 fast 5,5 Milliarden Euro neue Schulden macht? Und vorerst nur Planungskosten anfallen – weil die Kunsthalle erst 2014 fertig sein soll. Ja, so kann man sich das Thema schönreden. Doch bei Rot-Rot braut sich was zusammen, vor allem in der SPD-Fraktion, die vom Regierenden Kulturmeister Klaus Wowereit vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.

Das gilt zunehmend auch für die Berliner. Wowereit schweigt. Zu hören war er weder beim Thema Bildung, wo Berlin ein neues Schulsystem aus Sekundarschulen und Gymnasien plant, noch beim Thema Stadtplanung, wo steigende Mieten und realer Verdrängungsdruck die Menschen beunruhigen und Autonome daraus ihre dürre Rechtfertigungsphilosophie für Gewalt zimmern. Wer von sich sagt, er wisse, wie die Stadt tickt, glaubt offenbar, er habe es nicht nötig, seine Politik zu begründen.

Denkste. Da ist was aus dem Lot geraten; in der SPD muss sich niemand wundern, dass die CDU erstmals seit fünf Jahren laut Umfragen stärkste Partei ist. Die Sozialdemokraten wirken entrückt von den Sorgen der Stadt; deshalb werden der Bau einer Landesbibliothek für 270 Millionen wie auch das Kunsthallenprojekt vor allem als Denkmale Wowereits wahrgenommen.

Es geht beim lustigen Schuldenmachen nicht nur darum, dass hier blitzschnell wieder jener Mentalitätswechsel verspielt wird, den Thilo Sarrazin der Stadt so bitterhart eingebleut hatte. Es ist nicht zwingend zu erkennen, warum Berlin eine solche Kunsthalle benötigt. Im Gegenteil. Das Desaster um die Temporäre Kunsthalle auf dem Schloßplatz muss nachdenklich stimmen. Wie ein solcher Flop am Humboldthafen vermieden werden kann, wüsste man gerne, bevor dort 30 Millionen Euro für feinste Architektur verbaut werden. Offenbar fehlt es am großen Oeuvre oder an zugkräftigen Ausstellungsideen.

Kaum ersichtlich ist, dass Berlins Zukunft als lebendigste Kunstszene des Kontinents an einer solchen Kunsthalle hängt. Kunst sucht sich Orte auch für die Werke jener Kreativen, die noch nicht in den Museen hängen. Das Unfertige und Provisorische war immer ein Markenzeichen der Stadt; auch der Hamburger Bahnhof entstand aus einer zunächst provisorisch hergerichteten Ruine. Richtig viel Geld auszugeben für Museen ist dagegen kein Erfolgsrezept, wie die wenig angenommene Gemäldegalerie im Kulturforum bezeugt. Mit den Kunstwerken oder der Berlinischen Galerie gibt es auch Orte für zeitgenössische Kunst. Wer die bald leere Halle des Blumengroßmarktes in Kreuzberg als Alternative zu Wowereits Projekt sieht, darf nicht verschweigen, dass auch deren Umbau mehr als zehn Millionen Euro kosten könnte.

Die Gegend am Humboldthafen als Kunstquartier zu entwickeln, ist nur Absichtserklärung und ein Gebäude allein bietet keine Substanz. Wowereit reklamiert für sich die Richtlinienkompetenz; eine tragfähige Idee ersetzt das nicht. Auch nicht das Werben dafür. Wer trotzdem darauf beharrt, bringt nicht nur die Kunsthalle ins Wanken.

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