Meinung : Unfrei in Berlin

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Von Ursula Weidenfeld

Es sind die Nachrichten nur einer Woche, die das Bild der Bankgesellschaft als einem Unternehmen in Auflösung zeichnen: staatsanwaltschaftliche Durchsuchungen bei ehemaligen Vorständen. Ein blauer Brief an alle Mitarbeiter des Hauses. Zweifel am Sanierungskonzept. Im vergangenen Jahr hätten solche Nachrichten niemanden mehr erschüttert. Als wir uns daran gewöhnt hatten, dass man in Berlin über zehn Jahre lang unbemerkt von Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern daran arbeiten kann, aus einer Bank einen Selbstbedienungsladen zu machen. Aber in diesem Jahr?

In diesem Jahr dürfte es zwei der drei Probleme schon nicht mehr geben: Richtig schlimm für die Bank sind nicht die spektakulären Hausdurchsuchungen dieser Woche. Sie sind im Grunde Geschichtsbewältigung. Richtig schlimm sind die Nachrichten, die die Zukunft der Bankgesellschaft betreffen. Sie zeigen, dass das Hauptproblem auch nach der Übernahme der Milliardenschulden noch nicht gelöst ist: Das Zutrauen in den neuen Vorstand schwindet. Kunden und Mitarbeiter fragen wieder, wohin das Unternehmen geht, machen sich neue Sorgen um ihr Geld und ihre Jobs. Denn der Eigentümer, das Land Berlin, hat immer noch nicht entschieden, ob er schnell verkaufen oder erst mal warten will – und vergrößert damit die Unsicherheit. Manche sagen, das sei verständlich. Nach den Erschütterungen des vergangenen Jahres brauche die Bankgesellschaft Zeit, um ihren Weg zu finden. Andere meinen, die Bankgesellschaft sei in ihrer Unternehmenskultur zu tief getroffen, um jetzt schon eine neue Form auszuprägen. Und wieder andere sagen, niemand sei wirklich Schuld an den schlechten Nachrichten. Die Bank habe nur ein Loyalitätsproblem. Mitarbeiter zweifeln am Vorstand, der Aufsichtsrat misstraut dem Management, das Management dem Eigentümer, die Eigentümer den Mitarbeitern.

Ein Loyalitätsproblem bei einem Geldhaus ist im Prinzip dasselbe wie die fortgesetzte Missachtung von Hygienevorschriften in einer Frittenbude. Es ist ein Existenzproblem. Der neue Vorstand gebärdet sich so, als könne er nichts dafür, dass es zu wenige gibt, die heute zur Bank halten. Er bemüht das Bild eines sturmreif geschossenen Kampfschiffes, das gerade mal vor weiteren Wassereinbrüchen gesichert, aber noch lange nicht kampffähig sei. Er arbeite Tag und Nacht daran, das Schiff wieder flott zu machen, aus der Bankgesellschaft eine starke Regionalbank zu machen, der Kunden und Mitarbeiter vertrauen können. Doch niemand wirft dem neuen Management vor, zu wenig zu arbeiten. Der Vorwurf ist, dass Hans-Jörg Vetter und seine Vorstände nicht das tun, was sie tun könnten. Sie könnten die Loyalität der Eigentümer, der Aufsichtsräte, der Mitarbeiter erzwingen. Denn die Bankgesellschaft hatte nie einen Vorstand, der stärker und unabhängiger war als dieser: Würde der Berliner Senat den neuen Vorstand feuern, würde sich der Restwert des Hauses über Nacht noch einmal halbieren, weil die Sanierung ins Stocken käme. Die der EU-Kommission gemeldeten Einsparziele würden verfehlt, die Genehmigung der Milliardenhilfe durch Brüssel noch riskanter. Ein neues Management zu finden, würde mehr Zeit und viel mehr Geld kosten. Und die Aussicht, jemanden zu entdecken, der sich dem Chaos schnell und entschlossen stellt und es geräuschlos beseitigt, ist ziemlich trüb. Bank-Chef Vetter kann also nichts passieren, im Gegenteil: Die Frage, ob ein neuer Eigentümer den Manager behält oder nicht, wird durch die Fortschritte entschieden, die die Bankgesellschaft bei der Sanierung macht.

Und doch verhält sich Vetter so, als hinge sein Schicksal am Wohlwollen der Berliner Politik, an der ständigen Zustimmung und Zuwendung der Räte und Gremien, die das Haus immer noch in der Hand haben. Anstatt – wie es Hartmut Mehdorn bei der Deutschen Bahn tat – auf den Eigentümer und die Räte zu pfeifen und die Sanierung anzupacken, zaudert Vetter. Ohne Grund. Es sei denn, ihm ist die Aufgabe, das Bankhaus aufzuräumen, selber unheimlich geworden.

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