Meinung : Ungeliebtes Kind

„Was lange fährt...“ vom 12. Oktober

Wenn man in Frankreich oder Italien mit der Eisenbahn unterwegs ist, erinnert man sich mit Wehmut an das Angebot der Deutschen Bahn mit ihrem Taktverkehr und überwiegend modernem Wagenmaterial. Ist man wieder in Deutschland, stößt man wieder die altbekannten und nie vergehenden Verwünschungen aus. Verspätungen, verpasste Anschlüsse, Lok-, Weichen-, Signal-, Stellwerkstörungen, kaputte Oberleitungen, Verzögerungen im Betriebsablauf ohne Ende – und keine Änderung absehbar. Dann schaut man sehnsüchtig in die Schweiz: Halbstundentakt auf fast allen Strecken, pünktlich, Bahnanlagen in gepflegtem Zustand. Eine perfekte Vernetzung bis in den letzten Winkel der Eidgenossenschaft. Von früh bis spät. Man fragt sich, warum das nicht auch hier so sein kann.Einfache Antwort: In Deutschland ist die Bahn seit Kriegsende das ungeliebte Kind der Politik. Im Osten sozialistische Mangelwirtschaft, im Westen der Einfluss der Autolobby. Die Schweiz hat keine Autoindustrie, folglich gibt es dort weniger Einflüsterungen für eine autozentrierte Verkehrspolitik. Das erklärt, warum hier für Straßenbau immer Mittel da sind, warum Straßenbauprojekte keiner Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen werden, der öffentliche Verkehr aber stets unterfinanziert ist. Das erklärt, warum drei Kilometer Stadtautobahn in Berlin trotz leerer Kassen unbedingt gebaut werden müssen, wohingegen der Straßenbahnausbau in Berlin nicht in die Gänge kommt und die Bahnstrecke nach Dresden auch 24 Jahre nach der Wende in einem erbärmlichen Zustand ist.

Michael Szczepaniak,

Berlin-Karlshorst

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