Meinung : Unheilige Allianz

Von Thomas Seibert

-

Drei Bombenanschläge in drei Tagen – die Türkei erlebt vor dem Staatsbesuch von USPräsident Bush in Ankara am Wochenende und dem Nato-Gipfel in Istanbul nächste Woche eine neue Welle des Terrors. Die Behörden hatten gehofft, potenzielle Attentäter mit einem öffentlich zur Schau gestellten Sicherheitsaufgebot abzuschrecken: 30 000 Polizisten und Soldaten im Einsatz, Patrouillen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Diese Taktik ist gescheitert, bevor der Gipfel überhaupt angefangen hat.

Die Irakpolitik der USA hat in der Türkei zur Bildung einer unheiligen Allianz geführt: Linksextremisten und militante Islamisten wollen gleichermaßen gegen Bush und die westliche Allianz zu Felde ziehen. Die türkischen Behörden haben es also nicht nur mit einem, sondern mit vielen Gegnern zu tun. Diese Gegner setzen bisher nicht auf High-Tech-Anschläge, sondern kämpfen mit selbst gebastelten Bomben. Das zeitliche Zusammenfallen des Nato-Gipfels mit der Machtübergabe im Irak erhöht die Gefahr noch weiter. Die Anschlagswelle zeigt auch, dass Terroristen nicht unbedingt in die hermetisch abgeriegelten Tagungszentren der internationalen Politik gelangen müssen, um Wirkung zu erzielen. In Istanbul starben am Donnerstag unschuldige Menschen in einem Stadtviertel, das mehrere Kilometer vom Konferenzort entfernt liegt. Die Botschaft ist aber dieselbe, als wäre ein Anschlag auf die Nato-Tagung verübt worden: Die als Imperialisten oder – je nach Couleur der Gewalttäter – als Muslim-Unterdrücker verdammten Amerikaner und die als ihr Vehikel angesehene Nato sollen dazu gebracht werden, ihre Tagung in letzter Minute abzusagen.

Es war angesichts der tiefen Zerwürfnisse, die der Irakkrieg im westlichen Bündnis hervorgerufen hat, keine gute Idee, einen Gipfel in dieser Zeit ausgerechnet im einzigen Land der Allianz zu veranstalten, das direkt an den Irak grenzt. In der Türkei ist der Widerstand gegen Bushs Irakpolitik noch größer als in anderen Ländern des Bündnisses; das war spätestens seit März vergangenen Jahres klar, als das Parlament in Ankara gegen den Willen der Regierung eine US-Truppenstationierung ablehnte. Doch den Nato-Gipfel von Istanbul jetzt noch abzusagen, wäre das falsche Signal. Gewalt darf nicht belohnt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben