Meinung : Unheiliger Geist

Sinkende Steuereinnahmen, Austritte, Geldnot: Die Kirche muss sich sanieren

Martin Gehlen

Das war kein gutes Jahr für die Kirchen. Die Stimmung beim Personal ist gereizt, die Mitglieder laufen davon – Kündigungen und Lohnkürzungen, Baustopp und Gemeindefusionen, Schließung von Bildungshäusern und Abbau bei Kindergartenplätzen. Die Hälfte aller 27 katholischen Bistümer ist zu Sanierungsfällen geworden. Unter den 23 evangelischen Landeskirchen kommen einige nur noch mit totalen Haushaltssperren über die Runden: Hunderten von Pfarrern droht hier die Entlassung, selbst Bischofssitze stehen zur Disposition.

Rote Zahlen jedoch fallen nicht vom Himmel, schon gar nicht bei Institutionen, die so komfortabel an den Steuerfluss angekoppelt sind. Letztlich ausgelöst wurde der drastische Kirchensteuereinbruch durch die rot-grüne Steuerreform. Doch deren Zuschnitt ist seit Jahren bekannt, ebenso die Zahl der jährlichen Kirchenaustritte und die Zahl der Neurentner unter den Kirchenmitgliedern. Und trotzdem sind viele deutsche Bistümer und Landeskirchen viel zu spät aufgewacht.

Jetzt rächt sich, dass Bistumsleitungen über Jahre hinweg eine undurchsichtige und leichtfertige Finanzpolitik betrieben haben. Absehbare Entwicklungen wurden starrsinnig ignoriert, Vermögen in Nebenhaushalten versteckt und Reformen für eine zukunftsfähige Sicherung der Kirchenfinanzen als Zumutung abgetan. Immer noch stark unterentwickelt ist auch das Bewusstsein, dass Kirchensteuern öffentliche Gelder sind. So veröffentlichen lediglich zwei Landeskirchen und nur eine deutsche Diözese eine kaufmännische Jahresbilanz. Die überwiegende Mehrheit agiert dagegen weiter mit der traditionellen Kameralistik nach dem Motto „Man gibt aus, was man hat“. Langfristige Zukunftsplanung ist mit diesem Finanzsystem nicht möglich. Die Kirche als zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschland handhabt ihr Acht-Milliarden-Budget immer noch wie der Pizzabäcker an der Ecke.

Kein Wunder, dass in einem solchen System der organisierten Geheimniskrämerei auch der Informationsaustausch untereinander nicht klappt – zwischen den Bistümern sowie zwischen den Landeskirchen. Jeder Sprengel wurschtelte vor sich hin, an dem christlichen Provinzialismus auf deutschem Boden hat sich seit 500 Jahren kaum etwas geändert. Und nun sucht jeder sein eigenes Heil. Der eine Bischof stellt keine Pastoralreferenten mehr ein, der andere nutzt die Sparzwänge, um missliebige Bildungshäuser zu schließen und der dritte verkauft hektisch so viele Immobilien wie möglich. Eine pastorale Gesamtlinie ist nicht zu erkennen.

Auch das bisherige Kirchensteuersystem ist mitverantwortlich für die Misere, weil es Reformen erschwert. Seit dem Zweiten Weltkrieg fließt der Kirchenzehnt nicht mehr von unten nach oben, also von den Gemeinden an die Kirchenverwaltung, sondern umgekehrt. Diese Wende nach 1945 hatte damals gute Gründe, weil sonst der soziale Ausgleich zwischen kriegszerstörten und kriegsverschonten Gemeinden unmöglich geworden wäre. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Umso deutlicher treten nun die negativen Folgen dieses Kirchensteuerzentralismus zutage: Mit dem Geld ist die Macht der Ordinariate enorm gewachsen. Die Pfarreien hängen immer stärker ab von einer Hand voll frommer Bürokraten, ohne echte Kontrolle und ohne echte Mitsprache der Basis. Wohin diese Konstruktion im Extremfall führen kann, lässt sich im Fall des Erzbistums Berlin exemplarisch beobachten.

Denn parallel zu der Machtfülle der Ordinariate hat sich keine korrespondierende Institutionenethik entwickelt. Die Kirchen gehen bis heute wie selbstverständlich davon aus, dass gutmeinende und gläubige Mitarbeiter automatisch auch gute Arbeitsergebnisse produzieren. Darum fehlt es an systematischer Schulung von Führungskräften, wie es vergleichbare Großkonzerne längst machen. Darum fehlt es an Leistungsmanagement und an dem Mut, sich von faulen und schlechten Mitarbeitern zu trennen. Darum fehlt es auch – wie das Beispiel Berlin zeigt – an wirksamer Kontrolle von Selbstbedienungsmentalität.

Stattdessen agiert die Kirche nach innen zunehmend in falscher Weise sozial, schleppt viel zu viele Angestellte mit, die sich nicht einsetzen wollen. So wuchern Biotope für mildernde Umstände und laxe Arbeitsmoral. So entstehen Milieus für Leute, die wenig können und eigentlich keine Lust haben. Und so versiegen der Geist und die Ausstrahlung.

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