Meinung : Uniformen machen nicht nur Deutsche glücklich

Roger Boyes, The Times

-

Stellen Sie sich einen grimmigen, Shakespeare’schen Sturm vor der Küste einer Insel, auf der nur Giftschlangen, naive Eingeborene und ein paar Humana-Läden zu finden sind. Ein Schiff ist gesunken, ein Seemann wird ans Ufer gespült – nackt, weil der Sturm ihm die Kleidung vom Leibe gerissen hat. Aus Mitleid schaffen die Einwohner heran, was sie haben. Rote Cordhosen, zwei Nummern zu klein? Besser als gar nichts. Großvaters altes Hemd, mit einem Tintenfleck auf der Brusttasche? Perfekt. Schuhe, die jede sechsköpfige Familie in Burundi ablehnen würde; eine Ferrari-Schirmmütze. Der Mann ähnelt einer Vogelscheuche.

Dieser Mann bin ich. Ich bin so schlecht angezogen, dass, verglichen mit mir, Pete Doherty (Sie wissen schon, der Taugenichts, der mit Kate Moss schläft) wie ein britischer Dandy wirkt. Und ich weiß auch genau, was dafür verantwortlich ist: die Schuluniform. Wir trugen weiße, abnehmbare Kragen. Man kann ein Hemd drei Tage anziehen, wenn man den Kragen austauscht, aber die kratzten so sehr am Nacken, dass dort Atolle roter Flecken entstanden. Dazu den dunklen Blazer, so dunkel, dass man die Fettflecken nicht sah. Und Hosen aus grauem Flanell, die zum Bügeln zwischen Matratze und Lattenrost geklemmt wurden. Sogar sauber rochen die Hosen nach Papageienkäfig. All das führte dazu, dass ich auf der Uni der Einzige war, der Leontine Sagans Film „Mädchen in Uniform“ aus dem Jahr 1931 nicht sexy fand. Ich musste immer an die juckenden Wollschlüpfer denken.

Uniformopfer erkennen sich untereinander. Prinz William und seine Ex (in die Wüste geschickt per königlicher SMS: Tschüss Schatz. War gut. Deine Kön. Hoheit) mit ihren praktischen Pullis, Button-down-Hemden und Tod’s-Schuhen.

Sie versuchen, der Uniformkultur ihrer Kindheit zu entfliehen, indem sie sie schlicht aufrüsten, weil sie nie einen eigenen Stil entwickelten. Einige, ich gehöre dazu, reden sich ein, dass nachlässiges Aussehen Ausdruck von Intellektualität sei, dabei sind Intellektuelle heute die Kreaturen, die mit Schichten von Schminke im Gesicht im Fernsehen auftreten. Mir waren die Deutschen sehr nah, die ihre Soldaten wie Busschaffner ankleideten. Der Hauptmann von Köpenick, ein (geben Sie’s zu) eher langweiliges Stück, wurde Pflichtlektüre, damit Kinder davor gefeit sind, Menschen wegen ihrer Uniformen zu respektieren. Ausnahmsweise waren die Deutschen und ich auf einer Wellenlänge. Gut, sie trugen hochentflammbare Klamotten von C & A, eine Art proletarischer Uniform, aber man lief nie Gefahr, diese Neonfarben mit den feldgrauen oder schlammgrünen Farben der Bewaffneten zu verwechseln.

Jetzt aber habe ich meine Meinung geändert. Zwei überhörte Gespräche haben meine Augen geöffnet. In der Drogerieabteilung von Wertheim ignorierten mich zwei Angestellte, um aufgeregt darüber zu sprechen, wie sie für die neue schwarz- weiße Uniform ausgemessen wurden. Ein paar Tage später – ich war bei der Polizei, um meinen Nachbarn anzuschwärzen – hörte ich zu, wie dort, begeistert, über den neuen blauen Bullenanzug geredet wurde. Anders als der grün-beigefarbene hat er große Taschen, wärmt im Winter und kühlt im Sommer. Ronald Barnabas Schill bestellte die gleiche Uniform für die Hamburger Polizei, bevor er mit Udo Jürgens’ Frau durchbrannte. Die Berliner Polizisten werden noch eine Weile auf die blauen Hemden warten müssen, aber darum geht es nicht: Noch nie habe ich Verkäuferinnen oder Polizisten dermaßen enthusiastisch erlebt. Ungewöhnlich, aber irgendwie gesund.

Uniformen können ein gutes Gefühl vermitteln – und nicht nur Bedeutung. Wenn das so ist, haben Designeruniformen einen positiven Einfluss auf ihre Träger. Lächelnde Verkäuferinnen bei Wertheim? Polizisten, die so positiv gestimmt sind, dass sie wirklich mal die Drogenhändler im Weinbergpark einbuchten? Auch die Müllmänner sind wie ausgewechselt, seit sie orangefarbene Guantanamo-Uniformen tragen.

So ginge es weiter: Siemens-Mitarbeiter in Uniform wären zu stolz, um Bestechungsgelder zu zahlen; uniformierte VW-Betriebesräte würden zweimal überlegen, ob sie in einen Wolfsburger Puff gehen.

Was mich angeht, so habe ich die perfekten Socken bei Karstadt gefunden: Alle in Schwarz, bestickt mit dem Tag der Woche, im praktischen 7er-Pack. Heute steht auf meinem linken Fuß „Mittwoch“, auf dem rechten „Sonntag“. Bei Socken kann eben man gar nicht aufmerksam genug sein.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben