Union : Haus ohne Hüter

Glos’ Scheitern zeigt: Die Union hat keine Wirtschaftskompetenz – und das ist ihr auch egal.

Gerd Appenzeller

Spielt der Wirtschaftsminister in der Bundesregierung eine besonders wichtige Rolle? Ja, sagt fast jeder spontan, und denkt dabei an Ludwig Erhard. Und dann? Wer weiß denn noch, wer Kurt Schmücker war? Richtig, der Nachfolger Erhards, auch ein Christdemokrat.

Damit hat es sich aber auch schon mit den Unionsleuten in diesem Ressort. Den wie einen geprügelten Hund abdankenden Michael Glos eingeschlossen, waren es gerade drei von CDU und CSU in 60 Jahren bundesdeutscher Geschichte. Wenn das Ressort also wichtig ist, haben die Unionsschwestern es zumindest nicht wichtig genommen, sonst hätten sie nicht in sämtlichen Koalitionen das durch Erhard legendär gewordene Ministerium entweder Sozial- oder Freidemokraten überlassen. Und auch aus dieser Riege haben allenfalls Karl Schiller und Otto Graf Lambsdorff mehr als vergänglichen Ruhm geerntet – für Mäkler: Helmut Schmidt hat das Ressort 1972 gerade einmal sechs Monate geleitet, darauf jedenfalls gründen sich seine Meriten nicht.

Aber weil Ludwig Erhard eben nicht nur als Vater der sozialen Marktwirtschaft und des deutschen Wirtschaftswunders gilt, sondern dieses Prädikat völlig zu Recht trägt, sonnt sich die Union bis heute in seinem Glanz – und hat sein Erbe dennoch schäbig verspielt. Nur ein einziges Mal in den letzten Jahren wagten CDU und CSU noch einmal einen Versuch, an die große Geschichte anzuknüpfen. Das war 2005, als Edmund Stoiber nach der Bundestagswahl ein mit großer Macht ausgestattetes Wirtschaftsressort in Berlin übernehmen sollte. Das Projekt Schwarz-Gelb scheiterte und Stoiber kniff. Das war die Geburtsstunde der heutigen Misere, die mit dem Abgang des Ersatzmanns Glos nicht beendet ist. Nach einem abenteuerlichen Regionalproporz beansprucht die CSU das Amt weiterhin, auch wenn sie es – ja doch, der Freiherr zu Guttenberg ist ein ehrenwerter Mann – mit Kompetenz nicht ausfüllen kann.

Dass die Kanzlerin diese bayerischen Postenrochaden erträgt wie ein Elementarereignis, dem man eh nicht ausweichen kann, ist eben auch ein Spiegel ihrer desolaten Wirtschaftskompetenz. An der Richtigkeit des Satzes, wonach die Hälfte in der Wirtschaft Psychologie sei, zweifelt ernsthaft niemand. Ein Wirtschaftsminister muss Vertrauen ausstrahlen, Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Bereitschaft der Bürger. Friedrich Merz mit seinem Bierdeckel mag etwas Rührendes an sich gehabt haben, aber er stand für ein richtiges Prinzip: für eine einfache, durchschaubare Steuerpolitik und das Vorrecht des Bürgers, sein Geld selbst einteilen zu dürfen und dies nicht dem Staat überlassen zu müssen.

Vermutlich hat Michael Glos das auch so empfunden. Vielleicht hat er es auch so ähnlich gesagt. Aber entweder hörte man ihn nicht oder er konnte sich nicht verständlich machen. Nur eine Botschaft, die bekam jeder mit: Michael Glos mochte diesen Job nicht. Angela Merkel hat seinem Scheitern ungerührt zugeschaut. Ihr war’s offenbar ziemlich egal, dieses Haus ohne Hüter. Und Ludwig Erhard ist ja auch schon lange tot.

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