Union und Merkel : Gelb vor Neid

Die Union stellt wieder die Kanzlerin. Und wird doch immer weniger.

Stephan-Andreas Casdorff

Die Republik wird – gelb. Mindestens wird die Union gelb vor Neid. Denn nicht sie hat die Wahl für das neue Bündnis gewonnen, sondern die FDP; da wird es auch nicht helfen, wie in solchen Fällen immer, damit zu argumentieren, dass der Verlust von CDU und CSU mit sogenannten Leihstimmen an die Freien Demokraten zu erklären wäre. Leihstimmen, so viel zum Verständnis, gibt es nicht, nicht mehr. Das Wählerverhalten ist volatil, will sagen, dass immer mehr Wechselwähler ihre Stimmen im letzten Moment der Partei geben, von der sie hoffen, dass sie damit etwas in ihrem Sinne anfangen kann und wird.

Die Union soll nicht glauben, dass sie die verlorenen Stimmen zurückbekäme. Wäre das so, dann hätte sie durch ihren Wahlkampf Stimmen holen müssen, die sie 2005, durch Polarisierung, verloren hatte. Der Wahlkampf 2009 aber hat das erkennbar auch nicht gebracht, mit dieser schon aufreizenden Inhaltslosigkeit. Anstatt als Losung „Solidarität statt Kapitalismus“ auszugeben und das mit Inhalt zu füllen, war das Motto: „Wir haben die Kraft.“ Das klang eher spirituell, wenn überhaupt nach irgendetwas Greifbarem.

Nun ist es also schon das zweite Mal, dass die Union die Kanzlerin stellen kann, und wieder kommt sie mit einem blauen Auge davon. Es wird darum sein wie beim vergangenen Mal: Alle in der Führungsentourage wissen, dass Wahlkampf so nicht geht; dass die Union so nicht ist; dass sie sich selbst verliert, ihren Kompass, ihr Fundament; dass sie nur mehr als „Die Moderaten“ antritt – aber alle werden fein stille bleiben. Sie werden im CDU-Präsidium Angela Merkel applaudieren, ihr gratulieren. Und Ende. Was sie betrifft. Denn entscheidend ist doch, was hinten rauskommt, nicht wahr? Wer dagegen anginge, der würde rasiert. Das ist bekanntermaßen die große Stärke der bisherigen und künftigen Kanzlerin.

So siegt sie sich zu Tode. Immerhin wird hierzulande nicht der Kanzler direkt gewählt, sondern eine Partei als Vehikel, und die Abgeordneten müssen aus ihrer Mitte den einen, die eine an der Spitze der Regierung wählen. Alles andere ist – zumindest auf Dauer – ein Missverständnis, das sich noch niederschlagen kann. Vorläufig aber wird sich die Lesart halten, dass es alles in allem ein Sieg war; und zwar, weil es der Union gelungen ist, in der großen Koalition nicht so viel kleiner zu werden wie der andere Partner, die SPD. Sie immerhin kann noch einigermaßen für sich in Anspruch nehmen, Volkspartei zu sein. Heute.

Nun hat der Sieg, so gesehen, gewiss eine Mutter, die weiteren Verluste der Union müssen einen Vater haben. Da bietet sich der CDU-Generalsekretär an, weil irgendetwas passieren muss. Denn die CSU rast und will ihr Opfer. Sie führt ihr schlechtestes Ergebnis seit 50 Jahren ja in keinem Fall auf die eigene Schwäche zurück.

Ob die Union insgesamt im Rang einer Volkspartei bleibt, entscheidet sich aber nicht an einem Tag.

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