Universität : Ansturm auf den Master

Doppelte Abiturjahrgänge, Ende der Wehrpflicht: Wohin mit all den Studierwilligen?

Anja Kühne

Schulschwänzer haben in Deutschland nichts zu lachen. Sie werden von der Polizei zur Schule eskortiert, ihren Eltern wird die Sozialhilfe gekürzt. Das Land der Dichter und Denker sieht in Bildungsverweigerern fast schon Kleinkriminelle.

Das heißt nun aber nicht, dass junge Leute ins andere Extrem ausschlagen sollen. Jenseits des Schulwesens hat die Bildungsgier Ausmaße erreicht, die die Politiker in Schrecken versetzt. Massen von bildungshungrigen Studierenden bekommen mit dem dreijährigen Bachelor den Hals nicht voll genug. Sie lechzen nach den höheren Weihen des zweijährigen Masters – ohne Rücksicht auf die Kosten. Nein, so war das mit der Bildungsrepublik nicht gemeint. Ein bisschen Bildung tut’s doch auch.

Als Deutschland seine Studiengänge auf ein zweistufiges Modell umstellte, ging es darum, Studierende nicht mehr so lange an der Uni zu halten, bis sie ergrauten. Der Bachelor sollte als durchdachtes Programm schneller in den Beruf führen. Dann zahlen junge Leute schneller Steuern, die Wirtschaft bekommt formbare Absolventen. Die Bachelors selbst gewinnen lebensplanerische Flexibilität.

Leider wurde diese bedeutende Reform mit der üblichen Sparphilosophie umgesetzt. Der Bachelor wurde als „Regelabschluss“ definiert, mit dem die Mehrheit der Studierenden die Unis verlassen sollte, damit Bildung nicht zu teuer wird. Von allen Studienanfängern im Bachelor gibt es rechnerisch nur für jeden zweiten einen Platz im Master, in bestimmten Ländern auch nur für jeden fünften. Einige Studierende beziehen nun Hartz IV, während sie auf einen Platz im Master warten. So führen sich das verkürzte Studium und das verkürzte Gymnasium ad absurdum.

Die Akzeptanz des Bachelors auf dem Arbeitsmarkt ist höher, als viele Studierende meinen. Damit sie es glauben, könnte die Wirtschaft die Bachelors stärker umwerben. Trotzdem ist es nicht akzeptabel, dass ein reiches Industrieland der Masse nur noch ein dreijähriges Studium ermöglichen will. Wegen des Geburtenrückgangs besteht jetzt die letzte Chance, der Wissensgesellschaft frische Kraft zuzuführen. Zu respektieren sind aber auch persönliche Gründe, den Master zu machen: Hoffnungen auf ein besseres Gehalt oder der Wunsch, mehr zu lernen.

Möglich, dass manche, die in Berlin keinen Platz finden, noch in Jena unterschlüpfen können. Doch woher sollen sie überhaupt wissen, wo noch was frei ist? Die Verantwortlichen müssen schleunigst für bundesweite Transparenz sorgen. Vor allem müssten Bund und Länder die Master-Kapazitäten aufstocken. Eine große Aufgabe. Doppelte Abiturjahrgänge wollen versorgt werden, mit dem möglichen Ende der Wehrpflicht im Sommer kommen noch einmal bis zu 50 000 Studienanfänger hinzu. Kreative Lösungen sind gefragt.

Professoren könnten zu einem Notopfer bewegt werden. In den nächsten Jahren könnte ihre Lehrverpflichtung heraufgesetzt werden. Sinken die Studierendenzahlen, dürfen sie dann mehr forschen. Am Rohstoff Bildung darf es in Deutschland nicht mangeln.

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