Unruhen in Ägypten : Die Aufstände stärken auch den Terror

Nicht nur in Ägypten: Die Arabellion, der Aufstand in der arabisch-muslimischen Welt gegen jahrzehntelange Despotenherrschaft, ist in ihre postrevolutionäre Phase getreten. Das bereitet den Boden für noch mehr Radialisierung - und das führt eher nicht zu stabilen Demokratien, sondern hat ganz andere Effekte.

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Auf dem Rabaa-Adawiya-Platz in Kairo wurden Protestcamps der Muslimbrüder geräumt.
Auf dem Rabaa-Adawiya-Platz in Kairo wurden Protestcamps der Muslimbrüder geräumt.Foto: dpa

Wer sind die Guten? Es illustriert das Ausmaß der Tragödie in dem sich abzeichnenden Bürgerkrieg in Ägypten, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt. Der Machtkampf zwischen Militär und Muslimbrüdern eskaliert. Die eine Seite sieht Ordnung und innere Sicherheit bedroht, die andere fühlt sich um ihren Sieg bei demokratischen Wahlen betrogen. Mit äußerster Brutalität hat die Armee nun die Protestlager der Anhänger des durch einen Putsch gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi geräumt. Es sollen Massaker verübt worden sein.

Die Islamisten werden auf Rache sinnen. Wie schnell Radikalisierung und Militarisierung bei einer solchen Vorgeschichte gehen können, lehrt das Beispiel Algerien mit mehr als 100 000 Toten. Die Möglichkeiten, von außen auf die Entwicklung Einfluss nehmen zu können, sind begrenzt. Die Amerikaner haben kein Konzept, die Europäer scheitern mit diplomatischem Aktivismus. Außerdem geht die Grundtendenz der allgemeinen Polarisierung in der Region weit über Ägypten hinaus. Die Arabellion, der Aufstand in Teilen der arabisch-muslimischen Welt gegen jahrzehntelange Despotenherrschaft und unterdrückte Religiosität, ist in ihre postrevolutionäre Phase getreten.

Solidarität mit den Muslimbrüdern nach der gewaltsamen Räumung
Ägypten - ein Land im Ausnahmezustand.Weitere Bilder anzeigen
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17.08.2013 15:24Ägypten - ein Land im Ausnahmezustand.

Profitieren von der grassierenden Instabilität werden wohl die Extremisten, allen voran Al Qaida. Im Juli hatte die Terrororganisation durch zeitgleiche Angriffe auf zwei irakische Gefängnisse mehr als 500 Gleichgesinnte befreit. Auch in Libyen gab es einen Massenausbruch. Zusammengeschlossen haben sich der jemenitische und saudi-arabische Ableger von Al Qaida sowie der irakische und syrische. Die USA fangen angeblich hochbrisante Kommunikationsinhalte zwischen ihnen ab. Vagabundierende Sympathisanten aus Libyen und auch aus europäischen Ländern ziehen mit in die Schlachten. Das Gotteskriegertum paart sich zunehmend mit ethnisch-religiösen und tribalistischen Motiven. Anti-schiitische gegen anti-sunnitische Gewalt.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 konzentrierte sich der Westen auf die Terrorausbildungslager in Afghanistan und die dortige Taliban-Herrschaft. Doch ungleich gefährlicher noch ist die rasante Ausbreitung des Al-Qaida-Netzwerkes vom Irak über Syrien, Jemen, Mali, Niger, Libyen, Pakistan bis potenziell demnächst womöglich Ägypten und Tunesien. Geografisch vergrößern sich die Schlachtfelder, ideologisch wachsen sie zusammen. Enthauptungsstrategien haben sich als unwirksam erwiesen.

Nordafrika und der Nahe Osten liegen vor unserer Haustür. So wie es zu Beginn der Arabellion blankes Wunschdenken war, dass weder islamistische Gruppierungen wie die Muslimbrüder noch gar Al Qaida durch die Aufstände gestärkt würden, so naiv wäre es heute, die Augen vor den kommenden Bedrohungsszenarien zu verschließen. Illusionär wäre es auch, sich auf die vermeintlich sedativen Wirkungen großzügiger Finanzhilfen zu verlassen. Etwas seltsam klingt es ja in dieser Zeit, aber ein wenig Hoffnung wäre allein schon damit verbunden, wenn wenigstens die westlichen Geheimdienste ordentlich funktionieren würden.

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