Meinung : Unser Haus soll schöner werden

Der 1. Mai in Berlin ist friedlich verlaufen, weil die Kreuzberger es so wollten

Gerd Nowakowski

Nein, gänzlich friedlich kann man den diesjährigen 1. Mai in Berlin wohl kaum nennen. 234 festgenommene Randalierer und 43 verletzte Polizisten – hinter diesen Zahlen steckt ein gewaltiges Ausmaß an Hass und Zerstörungswut auf Seiten der Krawallmacher. Andernorts hielte man das durchaus für eine erschreckende Bilanz. In Berlin aber kann Innensenator Ehrhart Körting feststellen, es sei „relativ ruhig“ geblieben. Ist die Politik blind, leidet sie an einer massiven Wirklichkeitstrübung?

Friedlich kann man den 1. Mai in Berlin trotzdem nennen, wenn man es am Ausmaß von Zerstörung und Gewalt in den vergangenen Jahren misst. 20 Jahre nach der verheerenden Randale in Kreuzberg geht es nicht mehr um Gewalt, sondern um die Menschen in dem problembeladenen Bezirk. Die Stimmung beim „Myfest“ rund um die Oranienstraße war friedfertig und entspannt wie kaum jemals in den vergangenen Jahren. Nicht nur beim Feiern haben die rund 50 000 Anwohner und Besucher demonstriert, dass sie das Fest als aktive Störaktion gegen jene betrachten, die nur auf Gelegenheiten warten, Steine zu schmeißen und Feuer zu legen. „Ihr kriegt uns hier nicht raus. Das ist unser Haus“, sangen „Ton Steine Scherben“ vor Tausenden von Zuhörern ihren legendären Song. Ja, das ist unser Kiez, wir lassen uns nicht daraus vertreiben, so wollten es die Festveranstalter verstanden wissen.

Wo früher Unbeteiligte sich gegen die Polizei solidarisierten, sobald die Beamten versuchten, Randalierer in der Menge festzunehmen, öffnet sich jetzt diese bereitwillig. Zu beobachten war auch, dass angesteckte Mülleimer von Anwohnern sofort gelöscht wurden. Wir lassen uns unseren Bezirk nicht länger von euch kaputtmachen, Das ist die wesentliche Botschaft des diesjährigen 1. Mai in Kreuzberg.

Dass die Polizei hinzugelernt hat, trägt zur erfolgreichen Befriedung bei. Die hohe Anzahl von Festgenommenen spiegelt nicht das Ausmaß der Gewalt wieder, sondern vor allem die Strategie der Polizei, bloß nichts anbrennen zu lassen. Dabei wird aber nicht mehr auf Masse gesetzt: In diesem Jahr wurden nur 5000 Beamte eingesetzt, vor wenigen Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Mit schnellen Teams wurden Störer sofort gezielt herausgegriffen – sowohl in der Walpurgisnacht in Friedrichshain als auch am 1. Mai in Kreuzberg. Der Einsatz von Anti-Konflikt-Teams, die Präventionsgespräche in Schulen und mit Vertretern der türkischen Gemeinde und die Arbeit der neuen Truppe zivil gekleideter Beamter, die Gewalt schon im Ansatz verhindern und Rädelsführer festnehmen, hat sich bewährt. Verringert hat sich auch die Zahl der verletzten Polizisten.

Alles bestens also? Nein, solange jedes Jahr in der Stadt aufs Neue um einen friedlichen 1. Mai gebangt werden muss, können die Berliner nicht zufrieden sein. Alkohol, Gewaltfantasien und verquere Revolutionsträume sind eine Mischung, die man eindämmen kann, aber nicht abschaffen. Gewalt gebe es auch beim Baumblütenfest in Werder, resümierte Innensenator Körting. Das stimmt und ist doch falsch. Wär’ schön, wenn wir schon so weit wären.

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