Meinung : „Unser Ruf ändert sich nicht so schnell“

Albrecht Meier

Er kennt die Fragen, und er geht offensiv mit ihnen um: „Wir haben ein Problem mit organisierter Kriminalität, Korruption und Geldwäsche.“ Dazu schaut Boris Weltschew, der seit März Bulgariens neuer Generalstaatsanwalt ist, sehr ernst. Er kann aber auch anders blicken, verschmitzt, etwa wenn er über die gewaltigen politischen Veränderungen in seinem Land in den vergangenen 15 Jahren redet.

In solchen Momenten zeigt sich bei Weltschew auch ein gewisser Stolz angesichts der Anstrengungen, die am Dienstag von der EU-Kommission belohnt werden sollen – mit der Zusage für einen Beitritt zur Europäischen Union am 1. Januar 2007. Dabei hat es die Kommission gerade Bulgarien nicht leicht gemacht. Im Mai, als die EU-Behörde zuletzt ihre so genannten Fortschrittsberichte zu den beiden Schwarzmeerstaaten vorlegte, gab Brüssel im Fall Bulgariens „ernste Bedenken“ in sechs Bereichen zu Protokoll. Unter anderem forderte die Kommission, dass die bulgarischen Behörden effektiver gegen organisierte Kriminalität, Korruption und Geldwäsche vorgehen.

Auch wenn Weltschew bei einem Besuch in Berlin in der vergangenen Woche einräumen musste, dass Bulgarien gerade erst wieder von einem Auftragsmord erschüttert wurde, wehrt sich der Generalstaatsanwalt doch vehement gegen das Negativimage seines Landes: „Zu Beginn der 90er Jahre stellte das organisierte Verbrechen in unserem Land ein riesiges Problem dar“, analysiert er, „aber das hat sich geändert. Unser Ruf ändert sich aber nicht so schnell.“

Der 44-Jährige zeichnet sich durch einen kühlen, realistischen Blick auf die Qualität der Strafverfolgung in seinem Land aus, den er offenbar von der Universität mitgebracht hat. Seit 1990 lehrt Weltschew nationales und internationales Strafrecht in Sofia und im 200 Kilometer entfernten Weliko Tarnowo. Am Ende seines ersten Halbjahres im Amt würde Bulgariens oberster Strafverfolger zwar gerne mehr Verurteilungen vorweisen. Aber auch so hat Weltschew eine anschauliche Bilanz parat: Im Kampf gegen die Korruption wurden im vergangenen Jahr 41 Mitarbeiter des Innenministeriums entlassen, zehn Parlamentsabgeordnete verloren ihre Immunität. Verstärkt gehen Bulgariens Strafverfolgungsbehörden auch gegen die Geldwäsche vor: Im vergangenen Halbjahr habe sich in diesem Bereich die Zahl der Anklagen verdoppelt, sagt Weltschew.

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