Meinung : Unser Uwe

Jeder Zuwanderer sollte eine deutsche Patenfamilie bekommen Von Sergey Lagodinsky

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Als meine Familie vor zwölf Jahren nach Deutschland kam, wurden wir in einem Asylbewerberheim im südlichen Schleswig-Holstein untergebracht. Wir wussten wenig über unsere neue Heimat und sprachen kaum deren Sprache. Eines Tages trat Uwe in unser mit Sperrmüllmöbeln eingerichtetes Zimmer, und damit auch in unser Leben. Uwe war einer, der seine Zeit freiwillig damit verbrachte, frisch angereisten Aussiedlern und Flüchtlingen die bürokratischen Hürden zu erklären. Er hat sich mit meinen Eltern schnell angefreundet. Wir sprachen kaum Deutsch, aber Uwe war geduldig und neugierig zugleich. Bald luden er und seine Frau uns in ihr kleines Reihenhaus ein. Wir bekochten sie in der Gemeinschaftsküche unseres Wohnheims. Er schenkte uns Karten für die Hamburger Oper und wir, die wegen des Lärms im Heim nie ausgeschlafen waren, schliefen dort zu Wagnerklängen ein. Von seiner Schreibmaschine kaum zu trennen, war Uwe oft bei uns anzutreffen, wenn er Angaben in unsere Antragsformulare für Sozial- und Arbeitsämter eintippte. Ich habe von ihm vieles abgeschaut und konnte irgendwann offizielle Briefe im Uwe-Stil verfassen. Die anfangs holprige, mit viel Gestik und Komik verbundene Unterhaltung mit Uwe wurde unser Fenster in das neue Land. Für meine Eltern ist er bis heute der einzige deutsche Freund geblieben.

Zwölf Jahre später denke ich oft an Uwe, wenn ich mich jetzt in Diskussionen mit Freunden und Kollegen über Integration wiederfinde. Unbemerkt bestimmt ja das Vokabular der Straßenverkehrsordnung diese Debatten: Zum Ritual jeder anständigen Rede gehört die Feststellung, Integration sei „keine Einbahnstraße“. So klingen Journalisten und Wissenschaftler, Bundestagsabgeordnete und sogar der Bundesinnenminister wie Straßenbeamte.

Es ist eine seltsame Straße, die wir da bauen wollen. Die Bundesregierung spricht in ihrer Stellungnahme von nötigen „Anstrengungen seitens des Staates, der bürgerschaftlichen Gesellschaft und der Migranten und Migrantinnen selbst“. Auffällig dabei ist die Inkongruenz der geforderten Akteure. Von Einwanderern wird sehr viel und sehr persönliches Engagement gefordert: „Eigeninitiative, Fleiß und Eigenverantwortung“. Die Anforderungen an die Gegenseite, an die potenziellen Integrierer, klingen viel abstrakter. Den Einwanderern rollt eine Armada des Staatsapparats entgegen, die sie mit vagen Versprechen von Sprachkursen, Integrationsplänen, Ausbildungsplätzen besänftigt, wobei sie „Bildung, Bildung, Bildung“ (Maria Böhmer) fordert.

Wenn man jemanden auf der Gegenfahrbahn der Integration vermisst, dann sind es die einfachen deutschen Bürger. Das sind diejenigen, die, wie Uwe in meinem Leben, durch ihren individuellen Einsatz und viel Geduld den Einwanderern das Fenster in die „Mehrheitsgesellschaft“ aufstoßen können, und ihrerseits aus deren Erfahrungen lernen. Diese einfachen, deutschen Menschen, und nicht nur die Beamten vom Sozialamt sind das wahre Gesicht unseres Landes. Nur sie könnten es schaffen, die wahre Integration, gemeinsam mit ihren eingewanderten Nachbarn, erfolgreich zu realisieren.

Doch anscheinend sind die meisten von uns – Eingeborene wie Eingewanderte – der großen Herausforderung der Integration selbst nicht gewachsen. Erst neulich beklagte sich eine Journalistin bei mir darüber, dass ein russischer Mitschüler ihres kleinen Sohnes, den sie zu sich nach Hause eingeladen hat, kaum ein Wort Deutsch sprach. Sie habe ihn dann „nie wieder eingeladen“.

Wenn wir Integration wahrhaftig und nicht nur rhetorisch als gemeinsame, gesamtgesellschaftliche Anstrengung verstehen, dann dürfen wir nicht erwarten, dass die jeweils anderen – die Einwanderer, der Staat, die Schule – die ganze Arbeit machen. Integration ist mühsam, zeitaufwendig. Und oft zunächst enttäuschend. Für beide Seiten! Sie lohnt aber immer dann die Mühe, wenn beide Seiten – die Einwanderer und die Menschen ohne Einwanderungshintergrund – diese Schritte aufeinander zu riskieren, wenn sie sich auf persönlicher Ebene aufeinander einlassen. Wenn sie den Anderen wieder einladen, und wieder, bis der sie eines Tages ein bisschen besser versteht. Der beste Integrationsplan für die nächsten Jahre wäre daher eine Initiative, die jeder Migrantenfamilie eine deutsche Partnerfamilie vermittelt. So könnten die Einwanderer von ihren Nachbarn über den Alltag, die Geschichte, die Probleme ihres neuen Landes lernen. Umgekehrt könnten die Migranten ihre Sorgen, mitgebrachten Erfahrungen und Familiengeschichten mit anderen teilen. Nur durch Kommunikation von Mensch zu Mensch ist es möglich, die Distanz zu durchbrechen, die zwischen den scheinbar disparaten Teilen unserer Gesellschaft besteht.

Dass eine solche Integration möglich ist, hat mir Uwe bewiesen. Vor sechs Jahren ist er gestorben. Unser Leben ging weiter. Meine Eltern, mein Bruder und ich leben, studieren und arbeiten in dieser Gesellschaft, ganz so, wie es uns Uwe wohl gewünscht hat. Schade nur, dass es Menschen gibt, die das Privileg noch nicht hatten, einen solchen deutschen Freund kennenzulernen. Wie wir damals waten sie durch die kalten Gewässer des Migrantenlebens, kämpfen mit dem Alltag, mit der Sprache und hoffen. Und warten. Warten auf Uwe.

Der Autor (Jahrgang 1975) kam vor zwölf Jahren als jüdischer Einwanderer aus dem südrussischen Astrachan nach Deutschland. Er studierte in Göttingen und Harvard und ist Fellow am Global Public Policy Institute in Berlin.

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