Meinung : „Unsere Feinde blecken die Zähne“

Elke Windisch

Um sechs ertönt der Weckruf, zum Morgenappell treten die Infanteristen noch vor dem kargen Frühstück an, danach sind 25-km-Märsche mit vollem Sturmgepäck angesagt, anschließend wird mit Waffen unterschiedlichen Kalibers auf bewegliche Ziele geballert.

Statt wie sonst am Schwarzen Meer, verbringt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili seinen diesjährigen Urlaub – ganze zehn Tage – in einem Ausbildungslager für Reservisten in den kaukasischen Bergen. Vom einfachen Soldaten unterscheidet ihn nur ein Wälzer in Englisch, in dem er, auf dem Feldbett liegend, in der Freizeit liest. Der 39-jährige Saakaschwili will offenbar mit gutem Beispiel vorangehen: Künftig sollen alle Georgier zwischen 25 und 40 jedes Jahr zu einem zweiwöchigen Reservistenlehrgang einrücken, eventuell auch die Töchter des Landes zu den Hilfstruppen.

Georgien, so Saakaschwili, müsse im Ernstfall in wenigen Stunden 100 000 Reservisten an die Front werfen. Feinde würden „allerorten die Zähne blecken“. Gemeint waren die Separatisten in Abchasien und Südossetien und deren Paten in Moskau. Auch mit dem Versprechen, die abtrünnigen Regionen wieder heim ins Reich zu holen, hatte Saakaschwili bei der Revolution der Rosen im November 2003 die Massen hinter sich gebracht und Altpräsident Eduard Schewardnadse nach gefälschten Wahlen zum Rücktritt gezwungen.

Seither warten die Wähler auf Vollzug. Umso mehr, da der einstige Hoffnungsträger in knapp drei Jahren erheblich an Strahlkraft verloren hat: Bei der Bekämpfung von Korruption und Armut kann er nur bescheidene Teilerfolge vorweisen, bei demokratischen Freiheiten wirft die Opposition, zu der inzwischen mehrere seiner Kampfgefährten übergelaufen sind, ihm Rückschritte vor. Gar nicht gut kommen auch seine amourösen Affären an.

Politisch überleben kann er daher nur durch Wiederherstellung der staatlichen Einheit Georgiens. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren. Früher eher kampfschwach, hat sich die georgische Armee spätestens mit Rückgewinnung der Kontrolle über die Kodori-Schlucht an der Grenze zu Abchasien bewiesen, das sie sich zu einem hoch motivierten Gegner gemausert hat. Teils, weil mit der inzwischen auf das Zehnfache aufgestockten Kriegskasse auch Sold und Verpflegung auf ein verträgliches Niveau angehoben wurden, teils durch staatliche Jobgarantien für alle Soldaten nach Ablauf des Wehrdienstes.

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