Meinung : Unsere liebsten Vorurteile

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Von Malte Lehming

Ein Verdacht ist schnell in die Welt gesetzt. Etwas bleibt schließlich immer haften. Zur Zeit kursieren in Deutschland zwei Verdächtigungen. Beide betreffen die USA. Die eine bezieht sich auf die Vergangenheit, die andere auf die Zukunft. Amerikanische Sondereinheiten, so die erste Behauptung, haben sich in Afghanistan an einem Massaker beteiligt, dem mehrere tausend Taliban zum Opfer fielen. Außerdem haben sie Gefangenen dort das Genick gebrochen, sie mit Säure begossen und in Zungen und Gliedmaßen geschnitten.

Der zweite Vorwurf ist nicht ganz so gravierend, bietet aber immer noch genügend Anlass, sich zu empören: Die Vereinigten Staaten wollen die Niederlande überfallen! Falls US-Bürger vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt werden, soll der Präsident die Befugnis haben, sie mit allen Mitteln zu befreien.

Damit ein Verdacht sein Publikum findet, muss er bestimmte Ahnungen bestätigen. Er muss, wie es so schön heißt, auf fruchtbaren Boden fallen. Darum werden Meldungen über korrupte Politiker, drogenabhängige Filmstars, betrügerische Manager, klauende Polen und unkeusche Priester so gerne geglaubt. Sie belegen, ohne extra bewiesen werden zu müssen, sämtliche Vorurteile, die in einer Gesellschaft über die betreffende Gruppe kursieren.

Wer den Papst beschuldigt, sich früher heimlich eine Geliebte gehalten zu haben, hätte gute Chancen, in Deutschland durch die Talkshows tingeln zu dürfen. Wer Amerika der Arroganz und Brutalität bezichtigt, findet ebenfalls bereitwillig Gehör. Manchmal sagt ein Gerücht mehr über die aus, die es verbreiten, als über jene, die gemeint sind.

Ja, es stimmt: Rein theoretisch könnte ein US-Präsident demnächst vom Kongress mit der Befugnis ausgestattet werden, US-Bürger mittels Waffengewalt aus der Obhut des Internationalen Strafgerichtshofes zu befreien. In gewisser Weise ist das logisch. Die Bush-Administration erkennt dieses Gericht nicht an. Und ein nicht anerkanntes Tribunal kann aus Sicht der meisten Kongressabgeordneten keine US-Bürger legal in Gewahrsam nehmen. Insofern wären sie eine Art Geiseln.

Diese Auffassung lässt sich bedauern, aber sie ist weder neu noch spektakulär. Außerdem lässt sich die Wahrscheinlichkeit, dass es jemals zu einem solchen Akt kommt, nicht einmal in Promille ausdrücken. Wer wirklich Angst vor einem amerikanischen Überfall auf Holland hat, ist um seine Sorgen zu beneiden.

Weitaus gewichtiger ist der Vorwurf, die Amerikaner hätten in Afghanistan schwere Kriegsverbrechen verübt. Erhoben wird er von einem bislang in Deutschland unbekannten irischen Filmemacher, der eine 20-minütige Rohfassung seines Materials zum ersten Mal ausgerechnet der PDS-Fraktion im Bundestag zeigte. Wie glaubwürdig seine Zeugen sind, weiß der Filmemacher allerdings selbst nicht, denn die Aufnahmen hat ein Helfer von ihm gemacht. Trotzdem forderte die Vereinigte Linke des Europaparlaments bereits einen Tag später eine internationale Untersuchung.

Bewusst werden Assoziationen an Massaker in Sabra und Schatilla oder Srebrenica geweckt. Laut Pentagon gab es freilich gar keine US-Truppen am fraglichen Ort. Wer also Recht hat, weiß noch keiner. Aber vielleicht ist das den Gerüchtestreuern auch weniger wichtig. Ein Verdacht ist eben schnell in der Welt. Und etwas bleibt schließlich immer haften.

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