Unsere Mütter, unsere Väter : Der Krieg als Schlüssel der Erinnerung

„Unsere Mütter, unsere Väter“ ist weder Kunst noch Kitsch. Dieser ZDF-Fernsehfilm ist eine Provokation der Nation – und das im Großgedenkjahr 2013.

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Vielleicht hat dieses Geschichtsgedenkjahr 2013 tatsächlich ein aktuelles Momentum. Vielleicht erfahren die heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen und die Angehörigen der ihnen vorangegangenen Nachkriegsgeneration ein bisschen mehr über ihre eigenen Wurzeln. Mit Blick auf ihre Mütter und Väter, auf ihre Großeltern auch.

Das ist die vielfach geäußerte Hoffnung – nach dem dreiteiligen Fernsehfilm, der uns versprach, in knapp viereinhalb Stunden zu zeigen, „wie wir wurden, was wir sind“. Man muss dabei die unmittelbare Resonanz gewiss nicht überschätzen. Das ZDF hat „Unsere Mütter, unsere Väter“ in einer Weise gepuscht, die selbst die aktuellen Nachrichtensendungen noch zu einer Mischung aus bekenntnishaftem Kurzgeschichtsunterricht und Product-Placement umfunktioniert haben. Aber das macht den Erfolg des Weltkriegsdramas bei Millionen auch jüngeren, üblicherweise doch eher im Privatsendermilieu oder allein noch im Internet zu vermutenden Zuschauern nicht kleiner.

Unsere Mütter, unsere Väter
Im ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" geht es um die fiktive Geschichte einer fünfköpfigen Freundesfamilie zwischen 1941 und 1945, die durch die Ereignisse des Krieges demoralisiert wird. Bevor sich ihre Wege trennen, verabreden sie an ihrem letzten gemeinsamen Abend in Berlin ein Wiedersehen für die Zeit nach dem Krieg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: ZDF/ David Slama
20.03.2013 15:33Im ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" geht es um die fiktive Geschichte einer fünfköpfigen Freundesfamilie zwischen 1941...

Natürlich war „UMUV“, wie der Dreiteiler jetzt als Medienkürzel schon heißt, kein absolutes künstlerisches Ereignis. Nicht vergleichbar mit einem Spielberg- oder gar Tarantino-Film. Es war kein teures Kino. Aber auch kein billiges, kein gewöhnliches Fernsehen. Mag sein, fast jede Szene, hatte sie mal begonnen, wirkte für sich genommen vorhersehbar und in ihrer Wirkungsabsicht durchschaubar. Vor allem, wenn es um die melodramatischen Partien mit dem jüdischen Jungen Viktor Goldstein, um dessen Partisanenfreundin oder um russische Krankenschwestern, jüdische Ärztinnen oder Rotarmistinnen ging. Trotzdem war der Szenenreigen mit den fünf im Gegenschnitt miteinander verknüpften Geschichten: unbestreitbar spannend. Selbst wenn die dritte finale Folge mit vermehrten Unwahrscheinlichkeiten und einigen kurzatmigen Effekten eher abfiel.

Vorwurf gegen "Unsere Mütter, unsere Väter": Deutschen werden nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer dargestellt

Ungeachtet solcher ästhetisch-dramaturgischer oder schlicht logischer Einwände: Es war, es ist der wohl beste deutsche Kriegsfilm seit Bernhard Wickis „Die Brücke“ von 1959 und Wolfgang Petersens „Boot“ von 1981.Auch „Das Boot“ setzte, wie jetzt „UMUV“, im Jahr 1941 ein. Und schon „Die Brücke“ handelte von sehr jungen deutschen Soldaten, eben fast noch Kindern. Kanonenfutter, keine Heldentoten. Schon mit dieser (verkürzten) Wertung begibt man sich freilich auf moralisch vermintes Terrain.

Gegen „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird ja der Vorwurf erhoben, der Film zeige die Vorfahren der jetzigen Deutschen in dem von den Deutschen begonnenen Krieg mitsamt Massen- und Völkermord nicht nur als Täter. Sondern auch als Opfer. Weil der Krieg eben der Vater aller grausamen, verrohenden Dinge sei. Dabei gerate jedoch in Vergessenheit, dass die von den Deutschen überfallenen europäischen Völker und die alliierten Amerikaner einen gerechten Krieg geführt hätten. Anders als Hitler.

In „UMUV“ ging es in der Tat vornehmlich um den deutschen Krieg. Den Krieg der Deutschen gegen alle anderen, aber auch gegen sich selbst. Das gehört nämlich mit zur historischen Wahrheit: Hitler, die Nazis haben ab dem 30. Januar 1933 einen lange geplanten Bürgerkrieg gegen einen Teil ihrer eigenen Landsleute geführt (zu denen auch die Juden gehörten). Wer etwa bildungsferne, uneinsichtige, für rechtsextreme Propaganda anfällige junge Leute überhaupt noch erreichen möchte, der sollte dieses Argument immerhin nicht vergessen: dass die Nazis auch Deutschland zerstört haben und ihr monströser Totenkult ein mörderischer, selbstmörderischer war.

Nun folgt daraus nicht, dass alle Täter auch Opfer sind. Und hier muss man den ZDF-Film von Autor Stefan Kolditz, Regisseur Philipp Kadelbach und Produzent Nico Hofmann verteidigen: Ihr Film „entschuldigt“ keine historische Schuld. Er bedient auch nicht das von vielen Deutschen nach 1945 – etwa gegenüber zurückkehrenden Emigranten – geäußerte Selbstmitleid der Art „Wir, die wir dableiben oder mitmachen mussten, wir, die wir besiegt wurden, haben ja auch und manchmal mehr gelitten als ihr dort im Ausland, bei den Siegern!“.

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