Meinung : Unsere Penne – all’arrabbiata

Überall wird jetzt die Schule neu erfunden. Dabei wissen wir gar nicht, was unser altes Modell leisten kann – weil es total verrottet ist

Harald Martenstein

Manchmal denke ich darüber nach, ob wir nicht auch unseren Sohn auf eine Privatschule schicken sollten. Eigentlich mag ich das nicht. Aber er soll gefördert werden, er soll so viel wie möglich lernen. Dafür zu sorgen, ist meine Pflicht, finde ich.

Sein Gymnasium und seine Lehrer sind eigentlich gut. Na schön, es gibt ein paar Probleme. Zum Beispiel ist sein Stundenplan rein hypothetisch. Ich kann mich an Wochen erinnern, in denen an jedem Tag Stunden ausgefallen sind. Von anderen Eltern weiß ich, dass es in Berlin fast überall so ist. Es gibt sogar ganze Tage, mitten im Schuljahr, an denen der Unterricht komplett ausfällt. Zum Beispiel sollen alle Berliner Oberschulen sich neuerdings ein eigenes Schulprogramm geben. Um über dieses Programm in Ruhe zu diskutieren, haben die Lehrer einfach zwei Tage Schule gestrichen. Ob das Programm wirklich etwas bringt, weiß ich nicht. Dass zwei ausgefallene Schultage schaden, steht fest. Nachgeholt wird so etwas nie. Ausgefallen ist ausgefallen.

Es gibt ganze Fächer, die praktisch nicht stattfinden. Vor zwei Jahren hatte er im ganzen Schuljahr nur vier oder fünf Stunden Erdkunde. Der Lehrer kam, war zwei Wochen krank, kam wieder kurz, war wieder drei Wochen krank, und so weiter. In der Schule seufzen alle, wenn sein Name fällt. Er macht das seit Jahren. Jetzt hat ihn mein Sohn in Sport. In diesem Jahr hat er praktisch keinen Sportunterricht.

Die Schule kann nichts dagegen tun. Der Mann blockiert eine Planstelle, er ist unkündbar. Ersatzlehrer, die ihn vertreten könnten, gibt es nicht. Wissen Sie, ich schimpfe nicht auf die Lehrer. Es ist wie in jedem Beruf, es gibt gute, engagierte Leute, es gibt Mittelmäßige, und es gibt Faule. Das Problem ist, dass man im Beamtentum gegen die Faulen nicht das Geringste unternehmen kann. Aber ich schimpfe nicht einmal auf den Lehrer, von dem ich gerade gesprochen habe. Ich weiß schließlich nicht, was für Motive er hat. Vielleicht ist seine Gesundheit wirklich ruiniert, vielleicht ist er ausgebrannt, vielleicht hat er einfach keine Lust mehr. So etwas kann vorkommen. Das ist moralisch nicht zu verurteilen. Ich habe selber einmal ein Jahr lang hauptberuflich an einer Schule unterrichtet, ich weiß, wie anstrengend das ist. Solch einen Menschen müsste man dazu zwingen können, beruflich etwas anderes zu versuchen oder sich zusammenzureißen. Man müsste ihn, zur Abschreckung, in den sozialen Abgrund von Hartz IV einen Blick werfen lassen. Aber das geht nicht. Er ist ja Beamter. Wenn ich er wäre, würde ich es vielleicht genauso machen.

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Über die deutsche Bildungsdebatte kann ich als Vater nur lachen. Sie ist so verdammt irreal. Wir reden über einen Systemwechsel, acht Jahre gemeinsamer Unterricht, Gesamtschulen, Umbau von fast allem. Dabei wissen wir überhaupt nicht mehr, was das System leistet, das wir haben, weil es nämlich vollkommen verrottet ist. Wie gut wären unsere Schüler, wenn sie die Stunden, die auf dem Papier stehen, wenigstens zwei oder drei Jahre lang tatsächlich bekommen würden? Das wäre wirklich ein interessantes bildungspolitisches Experiment!

Wie gut wären unsere Lehrer, wenn sie kündbar wären und wenn ihr Gehalt wesentlich von ihrer Leistung abhinge? Wie sozial durchlässig wäre unser System, wenn an den Grund-, Haupt- und Realschulen Personal vorhanden wäre, um Talente aufzuspüren und sie gezielt zu fördern? Das alles könnte man ausprobieren. Aber es ist kein Geld dafür vorhanden. Es gibt ja nicht einmal genug Geld dafür, an den Schulen die Toiletten regelmäßig zu putzen und Klopapier aufzuhängen. Dies ist die allererste Reform, die ich den Berliner Bildungspolitikern ans Herz legen möchte: Sorgt dafür, dass an den Schulen die Klos wieder häufiger geputzt werden.

Vielleicht denken Sie: Was soll das. Schulklos. Aber für mich sind die Toiletten ein Symbol für den Gesamtzustand der Berliner Schulen. Gehen Sie mal in eine hinein. Schauen Sie sich um. Stellen Sie sich die Frage, was dieses Gebäude und sein Zustand aussagen über den Wert der Bildung in Deutschland. Vergleichen Sie das Schulgebäude mit der Firma, in der Sie arbeiten, und mit der Wohnung, in der Sie leben. Es ist ein bisschen deprimierend, nicht wahr? Die Schulgebäude stammen oft aus der Zeit der Jahrhundertwende, es sind verschnörkelte Paläste, die Architekten haben sich hübsche Details einfallen lassen. Wie teuer das alles gewesen sein muss! Wie wichtig ein Schulbau gewesen ist! Und wie heruntergekommen es heute aussieht.

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Ich muss wirklich lachen, wenn ich davon lese, dass wir jetzt womöglich acht Jahre Gesamtschule bekommen sollen. Unser Bildungssystem sieht wie ein heruntergekommenes Haus aus, an dem aus Geldmangel lange nichts mehr repariert wurde. Jetzt wird gesagt: Wir reißen das Haus ab und stellen ein neues, schöneres hin – als ob das nicht noch viel teurer wäre als die Reparatur, für die das Geld schon nicht reicht. Es ist so verlogen.

Bildungspolitiker von SPD, PDS und Grünen sagen: Wenn alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden, mildern wir die sozialen Unterschiede, die sie aus den Elternhäusern mitbringen, mehr Chancengleichheit kommt und zugleich mehr Leistung, denn natürlich werden wir in den neuen Schulen auch die individuellen Talente fördern. Wenn das wirklich alles so wunderbar ist, warum führt ihr es dann nicht an den sechsjährigen Berliner Grundschulen vor? Warum sind die kein internationales Erfolgsmodell? Warum bringen im Gegenteil so viele bürgerliche, gebildete Eltern ihre Kinder aus der Grundschule so früh wie möglich aufs Gymnasium oder auf eine Privatschule in Sicherheit? Weil das reaktionäre Elemente sind, die etwas gegen Chancengleichheit haben? Glaubt ihr das wirklich?

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Eine Berliner Grundschullehrerin steht heute vor eine Klasse, die sozial so heterogen ist wie wahrscheinlich niemals zuvor. Sie soll den Kindern nicht nur den Schulstoff beibringen, sondern oft auch die Grundlagen sozialen Verhaltens oder die deutsche Sprache. Sie hat es an manchen Schulen mit einem Maß an Aggression zu tun, das es früher nicht gab. Natürlich kann sie das alles nicht gleichzeitig leisten. Und sie ist allein. Selbst so bescheidene pädagogische Hilfseinrichtungen wie die Schulstationen – eine Art Notaufnahme für Schüler mit Freistunden und für Rowdys – sind in den letzten Jahren vielerorts weggekürzt worden. Weil die Kinder in den Klassen weitgehend sich selber überlassen bleiben, findet zwar eine Nivellierung statt, aber eine ganz und gar naturwüchsige. Sie geht oft in Richtung Verrohung. Die Stärksten setzen sich durch und setzen die Maßstäbe für das, was als cool gilt. Und die Stärksten sind ganz bestimmt nicht die Professorentöchter oder die Arztsöhne.

Aus dem, was andere, erfolgreichere Länder anders machen als wir, haben sich die Reformer jetzt einfach das herausgepickt, was ihnen ideologisch am besten gefällt – die Gesamtschulen. Mit anderen Worten: Ausgerechnet das Gymnasium, dieser Fluchtort der allerletzten Reste des deutschen Bildungsbürgertums, sei schuld an der deutschen Bildungskrise. Diese Schuldzuweisung ist völlig willkürlich. Zum Beispiel sind in den Ländern, die bei Pisa besonders gut abschneiden, fast durchweg die Schulen eigenständiger als bei uns, sie hängen nicht am Gängelband einer Kultusbürokratie. Und bei keinem der Pisa-Sieger sind die Lehrer verbeamtet. Es herrscht bei den Lehrern das Leistungsprinzip. Auch daran könnte es liegen. Aber darüber möchte die Lehrerpartei SPD natürlich lieber nicht nachdenken.

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In Finnland zum Beispiel gibt es Gesamtschulen, aber sie sind immer relativ klein. Es fällt fast kein Unterricht aus, weil die rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, dass Lehrer im Ruhestand, Abiturienten oder sogar geeignete Eltern schnell und unbürokratisch als Krankheitsersatz einspringen dürfen. Die Schulen haben eigene Psychologen und Sozialarbeiter sowie Speziallehrer, die sich gezielt nur um die Schwächeren kümmern. Die Finnen wissen, dass ein Lehrer überfordert ist, wenn er sich neben dem Unterricht auch noch um die sozialen Konflikte in einer Klasse und um die persönlichen Probleme einzelner Schüler kümmern soll, beides ist aber notwendig, zumal in einer heterogenen Gesamtschule. Und dabei ist Finnland noch ein sozial und ethnisch einigermaßen einheitliches Land, verglichen mit Deutschland. Gesamtschulen können erwiesenermaßen erfolgreich sein, vorausgesetzt, sie sind sehr gut ausgestattet und klein. Dann sind sie garantiert teurer als jedes Gymnasium. Glaubt irgend jemand, dass in Deutschland dafür genug Geld vorhanden ist? Oder gar in Berlin? Wo sogar das Geld zur regelmäßigen Reinigung der Schultoiletten fehlt?

Nein, unser dreigliedriges Schulsystem, das die Schüler nach Begabungen sortiert, ist gar nicht so schlecht. Besser gesagt, es könnte recht gut sein, wenn man dafür sorgt, dass es sozial durchlässiger wird. Zurzeit sieht es aus wie ein Pferd, dem man wochenlang kein Futter gegeben hat und dass man dann mit der Begründung, es sei zu mager, zum Abdecker führt.

In der Schuldebatte tun die Verfechter der Gesamtschule gern so, als sei ihre Position durch die Pisa-Studie wissenschaftlich bewiesen, und als sei jede weitere Debatte überflüssig. Sie verschweigen einfach alles, was ihnen nicht in den Kram passt, denn sie sind Ideologen. Zum Beispiel schneiden in Deutschland bei allen Tests und seit vielen Jahren die Bundesländer am besten ab, in denen das Schulsystem am klarsten gegliedert ist, Baden-Württemberg und Bayern. Wie passt das in euer Weltbild?

In Hessen habe ich vor vielen Jahren einen Versuch, die Gesamtschule einzuführen, aus der Nähe erlebt. Es war ein ehrgeiziges, mit Finanzmitteln wohlversehenes Projekt der damaligen Landesregierung, und es endete in einem Debakel. Das Experiment ist gescheitert. Man kann ein gescheitertes Experiment natürlich wiederholen. Aber nicht auf die gleiche Weise. Wer ein beim ersten Mal gescheitertes Experiment wiederholen möchte, sollte dem Publikum vorher genau erklären, was seiner Ansicht die Ursache des Misserfolgs beim ersten Anlauf war, und was er dieses Mal anders machen möchte. Von den Verfechtern der Gesamtschule hört man dazu wenig.

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Ich glaube, ich weiß, was uns erwartet. Ich habe Ahnungen. Sie werden in Berlin einfach auf die sechs Jahre Grundschule noch zwei weitere Jahre draufsatteln und werden das als großartige Reform verkaufen. Sie werden fast nichts für diese neuen Schulen tun, denn unsere Bildungspolitiker glauben ja, dass sich, wenn man nur alle Kinder aus allen Schichten, mit allen Intelligenzquotienten, mit allen verschiedenen Problemen nur lange genug zusammensperrt, am Ende ganz von alleine und wie durch ein Wunder der neue, perfekt gebildete Mensch unten herauskommt. Das ist Unsinn, aber bis sie das endlich zugeben, werden noch viele Jahre vergehen.

In der Zwischenzeit werden die Bildungspolitiker in Berlin versuchen, die letzten noch funktionierenden Restbestände des traditionellen Bildungswesens zu zerschlagen. Sie werden zum Beispiel die grundständigen Gymnasien, die schon im fünften Schuljahr mit einem breit gefächerten und anspruchsvollen Lehrangebot beginnen, mit aller Kraft so unattraktiv wie möglich machen. Zum Beispiel, indem sie diese Schulen bis in alle Ewigkeit dazu zwingen, Altgriechisch als Pflichtfach anzubieten. Gleichzeitig werden die finanziellen Zuschüsse an Privatschulen radikal gesenkt. Auf diese Weise werden die Privatschulen so teuer, dass sie, im Gegensatz zu heute, nur noch für die wirklich reichen Eltern infrage kommen. Der große Rest aber wird gezwungen sein, eine Gesamtschule hinzunehmen, die ein Debakel sein wird.

Die Gegenwart ist düster, die Zukunft wird düsterer sein. Ich glaube, die deutsche Bildungskatastrophe beginnt gerade erst, jetzt, wo die Reformer mit der Arbeit anfangen.

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