Meinung : Unter anderen

Muslime und Nichtmuslime in Großbritannien leben neben- nicht miteinander

Moritz Schuller

Sir Icbal Sacranie vom „Muslimischen Verband in Großbritannien“ warnte davor, dass nun die gesamte muslimische Gemeinschaft stigmatisiert werden könnte. Fahad Ansari von der „Islamischen Menschenrechtskommission“, schloss sich den Verschwörungstheoretikern an, die an eine echte Bedrohung nicht glauben wollen: „Das könnte ein Versuch der Regierung sein, die Aufmerksamkeit von der eigenen Nahostpolitik abzulenken.“

Die aktuellen Reaktionen der muslimischen Verbände in Großbritannien sind ein hilfloses Echo auf das vergangene Jahr, als eine Reihe von Anschlägen auf die Londoner U-Bahn verübt worden waren. Wieder sind fast alle der festgenommenen Tatverdächtigen junge britische Muslime, die meisten mit biografischen Verbindungen nach Pakistan. Wie damals sind die Reaktionen eine Mischung aus Abwehr und Verständnislosigkeit – verändert hat sich nichts.

Vor einem Jahr hatte sich Tony Blair mit der „muslimischen Gemeinschaft“ an einen Tisch gesetzt, um der zunehmenden Radikalisierung vieler Jugendlicher Einhalt zu gebieten. Seinem bevorzugten Ansprechpartner wurde inzwischen vom linken „New Statesman“ bescheinigt, ein „undemokratischer, Uneinigkeit stiftender Verband zu sein, der die Vielzahl der Muslime in Großbritannien nicht repräsentiert“. Nun wird neu überlegt, wer eigentlich die Muslime am besten vertritt – als ob die Briten erst langsam das Problem erkennen wollen, dass unter ihnen eine Generation von höflichen, hilfreichen Selbstmordattentätern heranwächst. Und dass, wie Khurshid Ahmed von der staatlichen „Kommission für rassische Gleichstellung“ schockiert feststellt, noch immer junge Menschen „aktiv bei Aktionen mitmachen, die wir als Gesellschaft verurteilen“.

Anfangs erwähnte der linke „Guardian“ nicht einmal, dass es sich bei den Festgenommenen um Muslime handelt – als ob das schon alle britischen Muslime unter Generalverdacht stellen würde. Diese Unsicherheit im Umgang miteinander, die sich schon beim Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen deutlich wurde, ist keine gute Grundlage.

Die viel bewunderte britische Gelassenheit angesichts der jüngsten Bedrohungsszenarien ist möglicherweise auch Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber einer sozialen Gruppe, mit der die Mehrheit bisher nicht viel zu tun hat. Die Verdächtigen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, würde man sagen – wäre die britische nicht noch immer von einem Klassensystem geprägt, das in Wahrheit keine Mitte zulässt. Kein Wunder also, dass ein konservativer Kommentator nun gar nicht den Staat in der Pflicht sieht, sondern „die muslimische Familie“.

Dieser – durch die Mithilfe aus der muslimischen Gemeinschaft vereitelte – Anschlagsversuch böte einen passenden Einstieg in eine Debatte über Einwanderung und Integration, um die sich die postimperiale, multikulturelle britische Gesellschaft bisher gedrückt hat.

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