Meinung : Unter dem Pflaster kein Strand

Den G-8-Protestlern fehlt, was jede Bewegung braucht: ein inhaltlicher Minimalkonsens

Tissy Bruns

One World, der Traum von der einen Welt ist älter als die Angst vor der Globalisierung. Vor allem anderen waren die Gefühle und die Sensibilität junger Leute globalisiert, die sich mit der großen Ungerechtigkeit nicht abfinden wollen. Sie werden in der globalisierten Welt gebraucht, als Stachel gegen den Machtzynismus, als Faktor der Ungeduld. Umso klarer muss der Befund ausgesprochen werden: Die Rostocker Krawalle haben alle Schwächen der Globalisierungskritiker bloßgelegt. Eine politische Bewegung ist dieses Bündnis nicht.

Darum müssen andere Fragen als nur die gestellt werden, wie die nackte Gewalt die Organisatoren derartig überraschen konnte. Es ist gut, dass die Distanzierung jetzt ausgesprochen wird; sie hätte viel früher kommen müssen. Im Vorfeld der Rostocker Demonstration ist das alte Spiel gespielt worden, das aus den Friedens- und Anti-AKW-Demonstrationen der 1980er Jahre bekannt ist: Dem geforderten Ritual der Distanzierung von Gewalt müsse man sich entziehen, weil damit ja nur die Bewegung gespalten werden solle, von den Herrschenden, dem Kapital, der G 8, von wem auch immer.

In Rostock hat sich das bitter gerächt, und einige Attac-Sprecher können sich nicht einmal auf Unerfahrenheit berufen: Sie waren ja damals dabei und wissen, dass es im Ernstfall immer die gewaltfreien Grünen, Jusos, Christen, Kommunisten waren, die sich zwischen die Polizei und die schwarzen Blocks gestellt haben – und selten die Aktivisten, die vorher mit der Gewalt kokettiert hatten.

Attac aber hatte am Samstag nichts zum Dazwischenstellen; die Autonomen konnten sich ungestört in einem Block in Stellung bringen. Als es schon zu spät war, konnte man in Rostock beobachten, wie ganz junge Demonstranten versucht haben, mitten im Steinhagel die Gewalttäter aufzuhalten. Linksparteichef Gregor Gysi, der danach wieder von der Gewalt sprach, die von der G 8 ausgeht, sollte sich diese Bilder ansehen – und über den Begriff Verantwortung nachdenken.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Unschärfe bei der Gewaltfrage und der gesamten Konzeption des Heiligendamm-Protests. Das, wie es so schön heißt, bunte Bündnis von Attac bis zu den Christen ist vielleicht bunt. Aber kein Bündnis, das sich zusammengerauft hat, um unterschiedliche Strömungen politisch auf einen Nenner zu bringen, um gemeinsam zu sagen: Das wollen wir! Stattdessen ist man mangels Legitimation irgendwie voll gegen die G 8 – und fordert doch allerlei Wohltaten von diesem Treffen. Politik erträgt solche Widersprüche; Attac aber macht den Eindruck, als ob es sie noch nicht einmal bemerkt. Es hat nicht einmal den Versuch gegeben, den Aufruf, den nicht nur die Grünen nicht unterschreiben konnten, im Bündnis zur Diskussion zu stellen. Dieser Protest hat nicht, was jede politische Bewegung braucht: einen Minimalkonsens.

Verantwortung dafür trägt allerdings auch die liberale Öffentlichkeit. Keine Bewegung zuvor ist bei der Gewaltfrage so schonend behandelt worden. Man hat sich für den Zaun, „die Bilder“ und die Frage interessiert, ob der Staat es übertreibt. Attac ist schick – ein bequemes Verhältnis zu einer Bewegung, die deshalb politisch nicht lernen musste. Fast tausend Verletzte, Polizisten und Demonstranten, zahlen den Preis.

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