Meinung : Unter den Aids-Kranken

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Von Rita Süssmuth

WO IST GOTT?

Heute feiern wir nicht nur den Ersten Advent, sondern begehen auch den WeltAids-Tag. Ein Tag, an dem wir auch an die 25 Millionen Menschen denken, die an Aids verstorben sind. Dieser Tag ist uns zugleich eine Mahnung, die mehr als 40 Millionen Menschen in aller Welt nicht zu vergessen, die sich mit dem Virus infiziert haben oder bereits an Aids erkrankt sind.

Mir ist die unermessliche Zahl von an Aids Erkrankten ein Ansporn, mich weiter gegen die Krankheit zu engagieren. Dabei motivieren mich auch Erinnerungen an einzelne Erkrankte, die sich mir eingeprägt haben. Ich bewundere die Kraft dieser Menschen, das Schicksal einer unheilbaren Krankheit anzunehmen. Sie versuchen, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben oder setzen sich für die Interessen der anderen Aids-Kranken ein. Wieder andere schreiben ein Buch über ihre Erfahrungen und finden noch die Kraft für Lesungen, um die Gesunden aufzurütteln und vor Aids zu warnen.

Diese Kraft, aus Verzweiflung und langen Kämpfen geboren, zeigt die Größe, zu der Menschen fähig sind. In diesem „unbändigen Lebenswillen", aber auch dem „Frieden machen können mit dem eigenen Tod", erkenne ich einen Funken des „Göttlichen" im Menschen – auch in der Hinwendung zum Leben über den Tod hinaus. Von den Kranken, den vom Tode Gezeichneten, geht oft eine unvergleichliche lebensbejahende, mutmachende Kraft aus. Es ist ein Ruf nach menschlicher Nähe, ein Ruf, nicht alleine gelassen zu werden. Gott scheint mitten unter den Menschen, voller Nähe und Zuwendung, und zugleich auch mit Einsamkeit und Verlorenheit, wie es Christus selbst erfahren hat. Einzigartige Gestaltungskraft erfahren wir in Aids-Gottesdiensten, wenn Betroffene und ihnen Verbundene, Menschen unterschiedlicher sexueller Ausrichtung, miteinander beten, Bibeltexte hören, musizieren und auf je eigene Weise über Gott nachdenken: gläubig oder skeptisch, gewiss oder infrage stellend. Kaum einer weiß vom anderen, ob und wie er Gott erfährt, zu- oder abgewandt, nah oder fern, strafend oder liebend. Und bei aller Ungewissheit verbreitet sich im Kirchenraum ein dichtes Lebensgefühl, eine ungewöhnliche Intensität und mitmenschliche Verbundenheit. Man spürt: Keiner ist allein gelassen. Das verleiht Kraft und spendet Mut.

Wir sprechen schnell von Katastrophen wie bei der Flut im Sommer. Verglichen mit Aids war die Elbflut aber – ohne respektlos zu sein – ein Rinnsal. Aids ist eine die ganze Menschheit bedrohende Flut ungeheuren Ausmaßes. Wir nehmen davon zurzeit nur gelegentlich Kenntnis. In der Auseinandersetzung mit Aids erfahren wir von den Erkrankten und ihrem Umfeld oft, wie stark das mitmenschliche Potenzial in unserer Gesellschaft entwickelt. Darin liegt das Verborgene und doch nicht Verschüttete, das Vitale, das sich auch im Kampf mit der tödlichen Krankheit als Gesicht Gottes zeigt, wenn wir es denn wahrnehmen wollen und können.

Aids - das ist ein Appell an uns alle, selbst zu mehr Größe zu finden und im Kampf gegen die Krankheit nicht beiseite zu stehen.

Die Autorin war bei Einführung des Welt-Aids-Tages 1988 Bundesgesundheitsministerin.

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