Meinung : Unter den Zuschauern

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Von Herbert Schultze

WO IST GOTT?

In meinem Alltag lerne ich immer mehr Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen kennen. Ich versuche, diesen Reichtum mit anderen zu teilen, lade zum Beispiel Studentinnen und Studenten zu Begegnungen mit Menschen anderer Herkunft ein. Bei solchen Gelegenheiten machen wir Entdeckungen. Eine solche Entdeckung ist der Maler Karl Stojka. Er nennt eines seiner Bilder: „Gott und die Kirche schauten zu." Grelles Feuer und schwarzer Rauch stehen über der bizarren „Skyline" von Auschwitz.

Karl Stojka ist ein LovaraRoma. 1931 im Wohnwagen seiner Familie in Wampersdorf im Burgenland geboren, von 1943 bis 1945 lebte er in den Konzentrationslagern von Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Flossenbürg. Anders als viele aus seiner Familie hat er diese Zeit überlebt. Nach der Befreiung hat er sich dem Teppichhandel gewidmet. Die Farben der Teppiche haben ihn fasziniert. Als Autodidakt hat er sich zum weithin anerkannten Maler ausgebildet. Er nennt sich selbst den Maler, der aus den Farben kam. Die traurige Botschaft seiner Bilder, es sind unendliche Variationen jenes einen Themas, verbreitet er in wunderschönen, farbenprächtigen Bildern. Und doch, bei allem Verständnis: Geht es nicht etwas weit, wenn er jenem Bild den genannten Titel gibt?

„Gott und die Kirche schauten zu." Die Kirche schaute zu, das mag – natürlich hübsch differenziert! – noch angehen. Obwohl es doch in der Geschichte viele Beispiele dafür gibt, dass die Kirche, ja manche Religion, inhumaner Gewalt die Hand gereicht hat. So gesehen wären es ausgerechnet die Zeugen Jehovas, die den Nazis am konsequentesten Widerstand geleistet haben.

Aber „Gott schaute zu"? Mit manchen Studierenden haben wir lange darüber gestritten und sind verschiedener Meinung geblieben. Ich aber bin überzeugt, ein seinem Gott tief dankbarer Mensch darf so sprechen. Karl Stojka sagt: „Ich bin auf dieser Welt auf einer kurzen Erdenreise. Ich habe nichts mitgebracht und werde auch nichts mitnehmen. Gott hat mich auf dieser Welt zu einem Zigeuner gemacht. Ich danke Gott dafür …"

Die Menschen der Religionen, nicht nur der christlichen, verhalten sich oft schlimm – unglaubwürdig. Der Londoner Religionswissenschaftler John Bowker sagt: Weil die Religionen gute Nachrichten sind, sind sie oft schlechte Nachrichten. In ihrem Namen wird manchmal Unmenschliches verübt. Im Deutschen gibt es dafür das inhumane Wort „Wahrheitsanspruch". Das komplementäre Wort heißt „unglaubwürdig". Doch es sind Menschen der Religionen, die bezeugen „Hier ist Gott", wie Karl Stojka.

Der schwedische Religionswissenschaftler und Friedensaktivist Nathan Söderblom soll auf seinem Sterbebett gesagt haben: Die Vielfalt verschiedener Religionen ist für mich der Beweis, dass es Gott gibt. Söderblom war Erzbischof seiner Kirche. Der Zigeuner und der Bischof sagen die Wahrheit, die „man" nicht sagt: Gott ist unter seinen Menschen in den Religionen.

Der Autor ist Vorsitzender der European Association for World Religions und Lehrbeauftragter für Evangelische Theologie an der Universität Essen, Lehrerausbildung.

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