Meinung : Unter der Treppe

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Von Ursula ElAkramy

WO IST GOTT?

Mein Großvater Heinrich war noch im neunzehnten Jahrhundert geboren worden. Er wuchs mit zwölf Geschwistern auf, 1922 übernahm er den Hof. Die Welt, in der ich 30 Jahre später geboren wurde, war eine bäuerliche Großfamilie, deren Leben von harter Arbeit, aber auch von der Zugehörigkeit zu einer dörflichen Gemeinschaft bestimmt war. 1933 hatte mein Großvater seinen Sitz im Gemeinderat verloren, nach dem Krieg wurde er Bürgermeister. Sein Schreibtisch aus Eichenholz bildete für mich einen ehrfürchtig bestaunten Kontrast zu dem anderen Mobiliar im Haus. Der Opa, das wusste ich, sorgte für die Familie und das Dorf.

Ich war elf oder zwölf Jahre alt, als ich eines Mittags aus der Schule nach Hause gestürmt kam und in der Diele mit einem strengen „Pscht!“ aufgehalten wurde. Der Großvater lag zu Bett, nur der Arzt durfte zu ihm, im Haus herrschte bedrückende Ruhe. Ich erschrak, die ernsten Gesichter von Mutter und Großmutter ängstigten mich. Dass Menschen krank werden, dass sie sterben müssen, war schon ein Teil meines kindlichen Bewusstseins geworden. Oft half ich der Großmutter, das Familiengrab zu pflegen, und im Haus meiner Freundin Inge hing das Bild ihres verunglückten Vaters mit einer schwarzen Banderole. Aber dass jemand von den Menschen, die ich liebte und brauchte, sterben könnte – dieser Gedanke war so unfassbar, dass ich an diesem Tag nichts essen und nichts lernen, ja nicht einmal mit meinem Bruder streiten konnte, sondern nur ängstlich und verstört in der Küche hockte.

Meine Großmutter hatte ein einfaches „Rezept“ gegen Angst: Beten. Aber diesmal musste ich, damit Gott mein Gebet erhörte, etwas Besonderes tun. Und ich fand etwas. Ich würde, so gelobte ich Gott, die ganze Bibel lesen, wenn er nur Großvater gesund machte. Natürlich durfte niemand etwas davon wissen. An diesem Tag begann ich mit dem Ersten Buch Mose. Als Versteck hatte ich mir einen Platz in der Diele ausgesucht. In einem Winkel unter der Treppe fiel gerade so viel Licht ein, daß ich lesen konnte. Hier hockte ich nun des Nachmittags, völlig gefangen vom Wunder der Schöpfungsgeschichte.

Ein oder zwei Wochen vergingen, dem Großvater ging es besser. Wenn ich an seiner Kammer vorbeihuschte, vernahm ich durch die angelehnte Tür ein Murmeln. Am Sonntag kam der Pfarrer. Ich traf ihn, als er das Haus verließ. „Dem Opa geht es besser“, lächelte er, „dazu hast du ja auch beigetragen.“ Als er weiterging, stockte ich und wurde rot. Wie konnte er das wissen? Mein Geheimnis war entdeckt! Nun, da der Pfarrer es von Gott wusste (so glaubte ich), war die Macht des Mysteriums verflogen. Enttäuscht, irgendwie auch erleichtert saß ich auf der Treppe. Ein paar Tage später stand mein Großvater auf, um sich wieder an seine Arbeit zu begeben. Bis er mit 96 Jahren starb, habe ich ihn nie wieder ernsthaft krank erlebt. Letztes Jahr übergab mir meine Mutter meine alte Schulbibel. An einer Stelle hatte sich das Lesezeichen mit den gepressten Blüten abgefärbt. Wie groß ich mich in meiner Erinnerung gesehen hatte: Ich glaubte, ich hätte wenigstens die fünf Bücher Mose gelesen. Tatsächlich war ich nur bis Kapitel 37 des Ersten Buches gekommen.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin in Bremen.

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