Meinung : Unter die Haut

Ein Jahr nach dem 11. September ist Deutschland auf biochemische Anschläge nicht vorbereitet

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Von Alexander S. Kekulé

In der Abwehr von biologischen Anschlägen ist seit dem 11. September nichts, wie es vorher war: Zehntausende Ärzte und Sanitäter wurden auf die Erkennung von Milzbrand, Pocken und anderen seltenen Infektionen gedrillt. Kliniken haben gemeinsame Katastrophenpläne entwickelt und üben regelmäßig für den Fall der Fälle. Mikrobiologische Institute im ganzen Land wurden mit den neuesten Hightech-Geräten und Sicherheitssystemen ausgestattet. Hunderte staatliche und private Forschungslabore suchen nach Gegenmitteln und Impfstoffen, mit gigantischen Sonderbudgets vom Staat – spätestens hier ahnt der aufmerksame Leser: Nicht von Deutschland, von den USA ist die Rede.

In den Vereinigten Staaten ist in den vergangenen zwölf Monaten das größte zivile Verteidigungsprogramm der Geschichte angelaufen. Präsident Bush hat den Schutz der Bevölkerung vor biologischen Gefahren zu einer der vier wichtigsten Aufgaben des Staates erklärt, sieben Milliarden Dollar sollen allein im kommenden Jahr dafür bereit gestellt werden. Im Gegensatz dazu hat sich die Welt zwischen Füssen und Flensburg in Sachen biologischer Sicherheit kaum verändert: Der Katastrophenschutz hat Spürfahrzeuge bekommen, im Robert-Koch-Institut wurde ein neues Sicherheitslabor gebaut. Beim nächsten Milzbrand-Alarm dürften damit zumindest die peinlichen Pannen des vergangenen Jahres vermieden werden. Wenn sich Terroristen jedoch etwas Neues einfallen lassen, werden die Behörden überfordert sein wie eh und je. So ist vollkommen unklar, wie gentechnisch veränderte Bakterien und Viren erkannt und behandelt werden sollen. Auch seit längerem bekannte Probleme, etwa bei Ring-Immunisierungen nach einem Pockenanschlag, sind keineswegs gelöst. Vollkommen wehrlos wäre Deutschland bei Anschlägen auf die Landwirtschaft, etwa durch Verseuchung von Nahrungsmitteln oder die gezielte Verbreitung der Maul- und Klauenseuche.

Der neuen Bedrohung des „asymmetrischen Krieges" – also der Angriffe kleiner Gruppen auf einen Staat – werden die behäbigen Bundes- und Landesbehörden mit ihren historisch gewachsenen Zuständigkeiten nicht gerecht. Das Robert-Koch-Institut befasst sich zwar, als oberstes Gesundheitsamt, mit der Prävention normaler Infektionskrankheiten, etwa der Zählung von Masernfällen und der Herausgabe von Impfempfehlungen für Hausärzte.

Doch ist die Abwehr biologischer Kampfstoffe eine vollkommen andere Disziplin, die davon so weit entfernt ist wie die „GSG-9“ von einem oberbayerischen Schützenverein. Die Bundeswehr ist zwar für den atomaren, biologischen und chemischen Schutz ihrer Soldaten im Einsatz vorbereitet; für den Schutz der Bevölkerung vor Anschlägen in Friedenszeiten hat sie jedoch kein Mandat – und demzufolge auch weder Konzepte noch Ausrüstung. Formal zuständig wäre eigentlich der Katastrophenschutz der Länder. Doch ist die dezentrale Bereitstellung von Fachleuten, Ausrüstung und Speziallaboren für biologische Anschläge in den Bundesländern weder finanzierbar noch sinnvoll. Denn die Abwehr von terroristischen Anschlägen fordert einiges Spezialwissen, etwa über die Waffenbestände der ehemaligen Sowjetunion oder kombinierte chemisch-biologische Kampfmittel.

Sinnvoll wäre daher eine zentrale Einrichtung des Bundes, in der die Fachkompetenzen für die Abwehr biologischer und anderer neuer Gefahren gebündelt werden. Es muss ja nicht gleich eine Mega-Behörde wie das neu gegründete Ministerium für Innere Sicherheit der USA sein – ein modernes, schlagkräftiges Bundesinstitut könnte den Bevölkerungsschutz wesentlich verbessern. Ähnliches wird schon seit längerem von Katastrophenschützern gefordert; auch die Schutzkommission beim Bundesinnenminister konstatierte kürzlich ein erhebliches Defizit in der Abwehr biologischer Gefahren. Es gibt deswegen noch lange keinen Grund, in Panik vor biologischen Anschlägen oder in überzogenen Aktionismus zu verfallen, auch wenn sich am heutigen Tag vor einem Jahr die Gefährdungslage in der Welt dramatisch verändert hat. Kein Anlass zur Hysterie, Gründe für eine vernünftige Vorsorge jedoch gibt es allemal genug.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg.Foto: J. Peyer

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