Meinung : Unterm Schleier

Ein Ende der Träumereien: Wie die Briten über die Integration der Muslime streiten

Matthias Thibaut

Das wäre der Wunschtraum britischer Politiker: Dass sich ein Muslim aus Bradford oder London, nach dem Beispiel der deutsch-türkischen Grünen-Abgeordneten Ekin Deligöz, seine Glaubensschwestern auffordert, das Kopftuch abzulegen und sagt: „Kommt im Heute an, kommt in Großbritannien an.“

Undenkbar. Die britische Schleier-Debatte – vom Kopftuch ist ja gar nicht die Rede – findet auf einem anderen Kontinent statt. In Dewsbury zog eine 24-jährige Hilfslehrerin vor Gericht, weil ihr verboten wurde, im Unterricht einen Schleier vor dem Gesicht zu tragen. Sie soll Grundschülern Nachhilfeunterricht in Englisch geben. Die Schule – übrigens eine anglikanische Konfessionsschule – argumentierte, die Schüler müssten doch wenigstens ihre Lippen sehen können. Das Erstaunliche ist nicht, dass die Lehrerin auf ihrem Schleier besteht, sondern dass er ihr jetzt im Klassenzimmer verboten werden soll.

Die Briten – und die Labourregierung – haben begonnen, 30 Jahre eines fast dogmatisch verfolgten „Multikulturalismus“ zu korrigieren. Städte wie Birmingham oder London werben mit Fotos verschleierter Musliminnen für ihren farbigen, kosmopolitischen Pluralismus. Doch nun fordern Krankenhäuser, dass Ärztinnen und medizinisches Personal im Umgang mit Patienten ihr Gesicht entschleiern. Ja, sagte nach langem Zögern Premier Blair, der Schleier ist ein Symbol der Absonderung, er hindert muslimische Frauen daran, an der modernen Gesellschaft teilzuhaben, er löst Unbehagen und Furcht aus.

Großbritanniens Muslime fühlen sich verfolgt, missverstanden, „dämonisiert“. Und sie haben recht, dass der religiöse Drang einer kleinen Minderheit von Schleierträgerinnen wohl nicht gleich mit der radikalisierten Minderheit potenzieller Selbstmordbomber gleichgesetzt werden kann.

Doch die Muslime selbst und der islamische Extremismus haben nun die Dialektik der Verweigerung herausgetrieben, die im so lange bewunderten Konzept der Multikultitoleranz enthalten ist. Der Multikulturalismus hat nicht nur Turbane und Schleier unter Kulturschutz gestellt – sondern mit ihnen auch die Weigerung, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Die schicken Vollverschleierten, die vollmundig im Ostlondoner Cockney-Akzent sprechen, sind nicht Ausdruck kultureller Vielfalt, sondern zeigen, wie sich im Schutze des Multikulturalismus Parallelgesellschaften entwickelt haben – die „freiwillige Apartheid“ geschlossener Gesellschaften mitten in der offenen Gesellschaft, wie der Tory-Politiker David Davies formulierte.

Nun werden die Muslime damit konfrontiert, dass die Toleranz der pluralistischen Gesellschaft mit der Verpflichtung verbunden ist, sich auf die Erwartungen und Ansprüche dieser Gesellschaft auch einzustellen. Für die Muslime wird das kein leichter Prozess. 98 Prozent der Leser des Boulevardblatts „Daily Express“ wollen nun ein Verbot des Gesichtsschleiers. Die britische Gesellschaft ist toleranter. Doch britische Journalistinnen ziehen sich in muslimischen Ländern aus Respekt ein Kopftuch auf.

Warum sollten Musliminnen nicht aus Respekt für eine Gesellschaft, die sich ins Gesicht sehen will, Grenzen der Verschleierung akzeptieren?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben