Meinung : Unterrichtsfach LER: Christliches Menschenbild

Wolfgang Ullmann

Neutralität ist das Losungswort aller, die ihre Versuche tarnen wollen, Glaubens-, und Weltanschauungsfreiheit anderer zugunsten eigener Einflussmöglichkeiten einzuschränken, so wie man in Baden-Württemberg einer muslimischen Lehrerin das Tragen des Kopftuches im Unterricht verbietet, Kreuz und Nonnenhabit aber ganz neutral erlaubt. Im Streit zwischen LER und dem konfessionellen Religionsunterricht führt diese eigentümliche Art von "Neutralität" zu folgender Argumentationsstrategie

Die Vertreter von LER verlangen die Berücksichtigung einer bestimmten humanwissenschaftlichen These im LER-Lehrplan. Wie verhält sich das zur verlangten wissenschaftlichen Neutralität? Erste Bemerkung: Das Ansinnen wird zwar als Bitte an den Landtag vorgetragen, verrät aber einen dahinter stehenden Willen. Zweite Bemerkung: Worauf läuft dieser Wille hinaus? Natürlich wieder einmal auf den uralten Topos: "Wissenschaft widerlegt Religion". Zwar handelt es sich nur um die Bestreitung einer einzelnen Auffassung vom Menschen. Aber welchen Neutralisten interessiert das schon? LER ist einmal mehr ertappt: "Das hatten wir schon mal!" Natürlich in Gestalt der SED-Ideologie! Die anrüchige Verwandtschaft ist wieder entlarvt.

Was macht es solchen ganz "neutralen" Entlarvungen schon aus, dass das LER-Projekt auf die Bürgerrechtlerin Birthler zurückgeht, die der SED und ihrer Ideologie wesentlich ferner gestanden haben dürfte als beispielsweise die derzeitige Vorsitzende der in Brandenburg mitregierenden CDU!

Eine weitere Eigenschaft der scheinheiligen Neutralität ist ein wundersamer Widerspruch: Einerseits erweist sich die SED-Ideologie als Sammelsurium von leicht zu durchschauenden Plattheiten ("Die Abschaffung des Privateigentums bringt die Kriminalität zum Verschwinden."). Andererseits aber entwickeln diese Plattheiten eine Zählebigkeit in den Köpfen ehemaliger DDR-Bürger, dass sie sich allen wohlmeinenden Rechristianisierungsversuchen à la Ratzinger so energisch widersetzen, dass der Kirche nichts übrig bleibt, als die einst von ihr verketzerte Jugendweihe zu imitieren und den Erfurter Dom als Stimmungskulisse einzusetzen. Wieso ist in diesem Fall der drastische DDR-Einfluss völlig unbedenklich?

Die Argumentationsstrategie verfolgt das Ziel der Entlarvung eines feindlichen Einflusses, wie das zu DDR-Zeiten hieß. Die Wahrheit des angegriffenen Satzes spielt dabei keine Rolle. Aber der Satz von der bösen Natur des Menschen ist so grob falsch, dass gerade ein Theologe zu allererst darauf hinzuweisen verpflichtet wäre. Dass die Natur des Menschen böse sei, haben nicht einmal in Sachen Sündenlehre so strenge Theologen wie Augustinus und Luther behauptet. Beide Kirchenlehrer haben eisern daran festgehalten, dass nicht die gut geschaffene Natur des Menschen, wohl aber sein Wille durch die Sünde verdorben und unfrei gegenüber dem Bösen geworden sei. Jesus zitiert betrügerische Steuereinnehmer auch nicht als Belege für menschliche Schlechtigkeit, sondern als Hinweis darauf, dass der Zugang zum Reich Gottes nach anderen als gängigen moralischen Kriterien geöffnet wird.

Wann endlich wird der Streit um LER so geführt, wie es sich für das Grundrecht der Glaubens- und Weltanschauungsfreiheit gebührt? Vorläufig geht es dabei so zu, dass man allen Debattenteilnehmern Nachholstunden in LER verordnen möchte.

Der Autor ist Publizist und Theologe und lebt in Berlin. Foto: Ullstein

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