Meinung : Unvollendeter Frieden Was sich aus Afghanistan und Bosnien für den Irak lernen lässt

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Von Ulrike Scheffer

Afghanistan gerät außer Kontrolle. Die jüngsten Anschläge und das Eigenleben der Provinzen zeigen: Das Land fällt zurück in Anarchie und Chaos. Alle, die den Friedensprozess mit abgesteckt haben, müssen einer bitteren Wahrheit ins Auge sehen: Ein solcher Umbruch ist ohne ein massives Aufgebot von Friedenstruppen nur begrenzt steuerbar – in Afghanistan wie anderswo.

Wer heute meint, mit einem „irakischen Karsai" lasse sich eine neue Regierung in Bagdad aufbauen, sollte nach dem Attentat auf Karsai neu nachdenken. Der afghanische Präsident galt von Anfang an als Marionette Washingtons und genießt deshalb nur eingeschränkte Autorität. Während der Loya Dschirga, der Ratsversammlung der Stämme, stand er unter dem Einfluss des US-Sonderbeauftragten, Zalmay Khalilzad. Das hat seine Position weiter geschwächt.

Die USA haben Karsais Widersacher in Kabul, die Minister der Nordallianz, überhaupt erst groß gemacht – da sie bei der Vertreibung der Taliban möglichst wenig riskieren wollten und am Boden auf deren Truppen setzten. Nachdem das Minderheitenbündnis Kabul erobert hat, will es die Macht in der Hauptstadt nicht mit anderen teilen. Für den Irak wird eine ähnliche Befreiungsstrategie gesucht, allerdings gibt es dort keine so mächtige Opposition wie die Nordallianz in Afghanistan. Allenfalls die Kurden. Nach den neuesten Erfahrungen in Afghanistan wird diese Option für den Irak kaum noch diskutiert.

Ein Blick auf die jüngere Geschichte weckt Zweifel, ob Amerika auf die richtigen Bundesgenossen setzt – generell: ob es die überhaupt gibt. Im Kampf gegen die Sowjets hatten die USA die Mudschaheddin unterstützt; aber die stürzten Afghanistan nach dem Abzug der Russen in einen Bürgerkrieg. Auch der Einzug der Taliban in Kabul und die Ausweitung ihrer Herrschaft wäre ohne US-Hilfe kaum möglich gewesen. Nun droht abermals ein Bürgerkrieg. Und wieder mischen einige Kriegsherren aus den 90er Jahren mit.

Ihrem Treiben könnte nur eine starke Friedenstruppe ein Ende setzen. Auf dem Balkan ist zu sehen, wie viel davon abhängt. Sieben Jahre nach dem Abkommen von Dayton sei die Sfor-Truppe in Bosnien-Herzegowina der einzige Stabilisierungsfaktor, sagt der dienstälteste deutsche Offizier dort. Allein ihre Anwesenheit ermöglicht Versöhnung; ohne sie würde längst wieder gekämpft.

Zu einem ähnlichen Einsatz über Jahre ist der Westen am Hindukusch wohl nicht bereit. Das sollte er sich nochmal überlegen. Im Chaos kann auch Terror wieder wachsen.

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