Meinung : Uranmunition: Schmutzige Hände vom Cyber-Krieg

Alexander S. Kekulé

Im TV sah alles so perfekt aus: Ein irakischer Munitionsschuppen im Visier des Kampfjets, das Fadenkreuz genau auf die Eingangstür gerichtet. Sekunden später saust ein nachtsichtgerät-grüner Kugelblitz durchs Bild, schlägt mitten durch die Tür in den Schuppen ein und wumms - weg isser.

Kein Blut, keine Schreie, nicht einmal der Detonationsknall ist zu hören. Der smarte Militärsprecher nennt das "chirurgische Kriegsführung" - eine telemedizinische Operation ohne Hautkontakt und unerwünschte Nebenwirkungen. Die kamen erst Monate und Jahre später: Über Hunderttausend Wüstensturm-Veteranen der US-Armee und ihrer Verbündeten litten unter chronischer Müdigkeit, Kopfschmerzen und Muskelschwäche. Neben diesem "Golfkriegs-Syndrom" traten sonst seltene Krankheiten wie Leukämie, Nervenschädigungen und sonderbare Hautveränderungen gehäuft auf. Sogar einige nach dem Golfkrieg 1991 geborene Soldatenkinder schienen betroffen zu sein.

Die Ursache des Golfkrieg-Syndroms konnte nie aufgeklärt werden. Das US-Militär spielte das Problem zunächst herunter und sprach von ganz normalen Erschöpfungserscheinungen. Dann wurde Giftgas aus Saddams geheimen Bunkern verdächtigt. Dann sollten tropische Viren verantwortlich sein. Andere Studien deuteten darauf hin, dass im Gegenteil die vielen Schutzimpfungen Schuld seien, die die Soldaten vor ihrem Wüsteneinsatz bekommen hatten. Oder vielleicht doch die Treibstoffdämpfe vom Betanken der Panzer und Flugzeuge.

Seit den Kampfeinsätzen gegen Ex-Jugoslawien ist klar, dass Krieg auch auf europäischem Territorium krank macht. Sechzehn Tote und 57 Erkrankungen an dem mysteriösen "Balkan-Syndrom" haben die Nato-Staaten bisher registriert. Die Symptome ähneln denen der Golfkrieger bis ins Detail, von chronischer Müdigkeit bis Blutkrebs. Da Giftgas diesmal als Ursache ausscheidet, ist ein anderes schmutziges Werkzeug des Krieges unter Verdacht geraten: die DU-Geschosse aus abgereichertem Uran (depleted uranium). Radioaktive Verseuchung mit Uran aus zerschmetterten Projektilen, so die Hypothese, könnte so unterschiedliche Symptome wie Erschöpfung, Nierenschäden und sogar Leukämien erklären.

Die UN-Umweltbehörde fand erhöhte Uranwerte in acht von elf untersuchten Gebieten des Kosovo, die 1999 mit DU-Munition beschossen wurden. Mehrere Untersuchungen sollen nun prüfen, ob ein Zusammenhang mit den gehäuften Leukämien oder anderen Erkrankungen besteht. Das frustrierende Ergebnis steht jedoch bereits fest: Selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen den Uran-Projektilen und dem Balkan-Syndrom geben sollte, ließe er sich nicht wissenschaftlich beweisen.

Zwar wurden in den Kampfeinsätzen in Bosnien und im Kosovo rund 41 000 Geschosse mit insgesamt etwa 35 Tonnen Uran verfeuert (im Golfkrieg waren es 300 Tonnen). Bei jedem Aufschlag verbrennt ein Teil des Projektils zu feinstem Staub von Uranoxid, der sich kilometerweit verteilt. Allerdings ist abgereichertes Uran (Uran-238), im Gegensatz zum Kernbrennstoff Uran-235, nur sehr schwach radioaktiv. Dadurch ist die von Soldaten aufgenommene Radioaktivität, selbst unter extremen Bedingungen wie der Reinigung eines getroffenen Panzers, äußerst gering: Die WHO schätzt die Strahlenbelastung auf maximal 10 Millisievert - weniger als die Hälfte der für Uranarbeiter zugelassenen Jahresdosis. Davon abgesehen ist aus jahrzehntelangen Beobachtungen im Uran-Bergbau bekannt, dass der radioaktive Staub das Risiko für Leukämien, im Gegensatz zu Lungenkrebs, nicht erhöht.

Schließlich kommt der Kosovo-Einsatz von 1999 als Ursache für Leukämien bei Soldaten ohnehin nicht in Frage, da strahlenbedingte Krebsarten nach gegenwärtigem Wissen frühestens nach zwei bis fünf Jahren auftreten.

Es gibt jedoch einen anderen Grund, die seit Jahrzehnten heftig umstrittene Uran-Munition abzuschaffen: die Zivilbevölkerung ist der erhöhten Strahlung lebenslang ausgesetzt, mit erheblichen Gefahren für die Gesundheit. Aktuellen Meldungen zufolge könnte Uran-Munition auch in Deutschland auf amerikanischen und sowjetischen Truppenübungsplätzen verschossen worden sein. Dann wäre der Cyber-Krieg schließlich doch noch bei uns im Wohnzimmer angekommen.

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