Ursachenforschung : Die Flughafenpanne geschah nicht einfach so

Der Skandal um den Flughafen BER war ein Desaster mit Ansage. Schon viel früher hätte festgestellt werden müssen, dass das Großprojekt nicht fertig wird. Nun muss nachgebohrt werden, wer an diesem kollektiven Verdrängungsprozess beteiligt war.

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Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Alexander Obst/Marion Schmieding/Berliner Flughäfen
25.11.2011 12:09Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER.

Das war keine gute Woche für Berlin, auch wenn nun schon wieder mit der ortstypischen Tendenz, kleine Sorgen groß- und große Probleme kleinzureden, an der Bagatellisierung des Geschehenen, oder, besser: des Nichtgeschehenen, gearbeitet wird.

Hertha in der ersten Liga? Dass das so bleibt, ist unwahrscheinlich. Flughafeneröffnung noch 2012? Fraglich. Die Berliner tragen an beiden Peinlichkeiten keine Schuld. Der Herthamanager stammt aus Düsseldorf, die Flughafengeschäftsführer sind auch nicht mit Spreewasser getauft, das planende Architektenbüro hat seinen Hauptsitz an der Hamburger Elbchaussee. Dennoch werden die Blamagen als Berliner Blamagen wahrgenommen, und wir Berliner sind auch die Einzigen, die sich schämen für ihre Stadt.

In der Politik gilt das nur bedingt. Klaus Wowereits so fürsorglich klingende Anmerkung, man habe der Sicherheit oberste Priorität gegeben, ist eine freche Verdrehung der tatsächlichen Fragestellungen. Niemand zweifelt doch am Vorrang der Sicherheit! Aber wenn man nach einem halben Jahrzehnt Bauzeit drei Wochen vor der Eröffnung feststellt, dass diese Sicherheit nicht gegeben ist – das ist der Skandal. Dabei war es ein Desaster mit Ansage.

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Der neue Airport wird nicht wie geplant im Juni öffnen.
Besuchertag in Schönefeld

Ende 2009/Anfang 2010 geriet eines der drei Planungsbüros, die IGK, mit den Planungsunterlagen in Verzug. Die Flughafengeschäftsführung sanktionierte das Unternehmen durch teilweise Zurückhaltung der Zahlungen. Das war zulässig, beschleunigte die Arbeiten aber nicht etwa, sondern trieb die IGK im April 2010 in die Insolvenz. Die liegen gebliebenen Planungsunterlagen, unter anderem die zum Brandschutz und zum Entrauchungssystem, wollten die beiden verbliebenen Büros miterledigen. Da betrug der Planungsrückstand ein Jahr.

Zu diesem Zeitpunkt verkündete die Flughafengesellschaft die erste Verschiebung des Eröffnungstermins von Ende Oktober 2011 auf Anfang Juni 2012, also um sieben Monate. Der demnach verbleibende Planungsrückstand und der entsprechende Verzug bei den Bauausführungen betrugen also rund fünf Monate. Er ist offenbar bis heute nicht abgearbeitet. Von einer Eröffnung Ende August zu sprechen, heißt also nur, den nächsten Verschiebungstermin zu definieren. Ende Oktober, wie es Hartmut Mehdorn fordert, scheint realistischer.

Sehen Sie in Bildern: So denken die Berliner über den neuen Flughafen

Was die Berliner vom neuen Flughafen halten
„Kleiner als erwartet, wenn das das neue, große Drehkreuz sein soll“, sagt Thomas Giehm, 35, aus Pankow. Mit Frau Alice, 32, will er sich auf dem Flughafenfest am Wochenende vor allem vom Vorankommen der Bauarbeiten ein Bild machen. „Das sähe auch ohne das Brandschutzproblem nicht so aus, als hätte BER im Juni öffnen können“, finden sie. Die Familie hat im Uni gleich mehrere Flüge ab BER gebucht, auch den Urlaub nach Florida. Nun hoffen sie, dass alles klappt. Doch derlei Vorkommnisse können sie nicht mehr schocken. „Wir sind immer betroffen, letztes Mal war es das Schneechaos in London und der Vulkanausbruch in Island“, sagen sie. Den Zwillingen Sarah und Jonas, 7, ist das egal. Sie spielen lieber mit der Modelleisenbahn am Stand der Deutschen Bahn fahren und gucken aus dem Riesenrad von oben auf die riesige Baustelle.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Christoph Spangenberg
12.05.2012 17:43„Kleiner als erwartet, wenn das das neue, große Drehkreuz sein soll“, sagt Thomas Giehm, 35, aus Pankow. Mit Frau Alice, 32, will...

Wäre das alles zu verhindern gewesen? Ja. Natürlich ist ein Flughafenneubau des Jahres 2012, im Vergleich etwa zum 1992 eröffneten neuen Münchner Flughafen, unendlich komplizierter. Auch Autos, Baujahr 2012, sehen anders aus als die 1992er Modelle. Hinzu kamen die nach dem Düsseldorfer Flughafenbrand 1996 mehrfach verschärften Sicherheitsauflagen. Aber zum Hexenwerk wurde das Projekt deswegen nicht. Bauabläufe bei solchen Vorhaben werden mit einem Planungsnetz kontrolliert, an dessen erreichten – oder nicht erreichten – Knotenpunkten sich früh ablesen lässt, ob der Schlusstermin gehalten werden kann, oder ob man bei Zeitverzug gegensteuern muss, etwa durch zusätzliches Personal. All das mussten die Planungsbüros im Auge haben. Aufgabe einer Geschäftsführung wäre es, sich regelmäßig zu informieren und zur Not einzugreifen.

Wenn der Flughafen einmal eröffnet ist, werden ihn vermutlich, bis auf die Anlieger, alle bestaunen. Aber das darf keine Ausrede sein, jetzt nicht zu bohren, wer alles an diesem kollektiven Verdrängungsprozess beteiligt gewesen ist.

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